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Monday, June 23, 2008
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Erotik und Schreiben
Current mood: amorous
EROTISCH – FRIVOL – SEXUELL oder: zum Verfassen von Schriftwerken mit geschlechtsbezogenem Inhalt
„Und nam von der Frucht und ass und gab jrem Mann auch da von und er ass. Da wurden jr beider Augen auffgethan und wurden gewar das sie nacket waren." (D. Martin Luther, Die gantze Heilige Schrift, dtv text-bibliothek, Band 1, S. 29)
Die lapidare Sprache Luthers vermag das Erstaunen darüber nicht zu verbergen, dass sich die Akteure ungewohnt nacket sehen. Das verleitet, den Grund der Überraschung näher zu betrachten; Lukas Cranach schenkt uns das Vergnügen mit „Adam und Eva" (siehe: google-Bilder-Cranach-Adam und Eva).
I
Als Adam und Eva im Paradies die köstlichsten Früchte, jene vom Baum der Erkenntnis genossen, erkannten sie einen Grundbaustein der Evolution: sie stellten beim gegenseitigen Betrachten ihrer Nacktheit mit großer Freude fest, dass sie mit unterschiedlichen primären und sekundären Geschlechtsteilen ausgestattet waren; und sie fanden es gut so, wie es ist. (Ich kapiere es bis heute nicht, was Bibeltreue gegen die Evolution haben. Nach ihrem Glauben hat doch ER alles geschaffen, also auch die Evolution.)
Auch ER fand das gut so, gab sogar seinen Segen dazu.
„UND GOTT schuf den Menschen JM ZUM BILDE ZUM BILDE GOTTES SCHUF ER JN: UND SCHUFF SIE EIN MENLIN UND FREWLIN. Und Gott segnete sie. (Luther, a.a.O., S. 26)
Wie gesagt, Adam und Eva fanden die Sache gut, denn sie spürten wohl instinktiv (Belastbare schriftliche Dokumente aus jener Zeit liegen nicht vor), dass diese Geschlechtsteile einen Heidenspaß bereiten würden, wenn sie zu dem vom Herrn gewünschten Zweck („SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH", Luther, a.a.O., S. 26) in Gebrauch genommen würden. Wobei sie auch dem Ziel der Evolution dienten: der Weitergabe der Gene, wie es Biologen in ihrer nüchternen Sprache der Wissenschaftler benennen. Und Adam und Eva gehorchten prompt dem ihnen eingepflanzten Trieb, legten immer wieder die hinderlichen Feigenblätter zur Seite, und trieben es, sodass die ersten Folgeexemplare des sich heute immer noch vermehrenden Menschengeschlechts entstanden.
Wie das bis heute so ist bei den HERREN jeglicher couleur mit ihren langen weißen Bärten, sie dulden nicht, dass der Mensch selbst auf den Trichter kommt, indem er der Vernunft der Wissenschaft folgt, er hat sich dem göttlichen Ratschluss zu unterwerfen, zum Beispiel als Frucht vom Baum der Erkenntnis sich kein eigenes Bild vom löblichen Gebrauch von Geschlechtsteilen zu machen, diese nur im Sinne der HERREN zum Einsatz zu bringen, sonst wird er aus dem Paradies vertrieben, und muss sich am Existenzminimum nagend von Disteln und Dornen kümmerlich ernähren.
„DA lies jn Gott der HERR aus dem garten Eden das er das Feld bawet da von er genomen ist. Und treib Adam aus." (Luther, a.a.O., S. 30)
Kurze Zusammenfassung der bisherigen Einleitung: 1. Die Menschen zerfallen in zwei Geschlechter. 2. Dieser Zerfall dient dem natürlichen Zweck der Fortpflanzung und dem kulturellen Lustgenuss.
Aus diesen Grunderkenntnissen muss natürlich der Schluss gezogen werden, dass jene, die geschlechtliches Tun als unnatürlich, nur in Ausnahmefällen erlaubt, ansonsten als unkeusch und Sünde abqualifizieren, sehr unnatürlichen Lehren anhängen. Sie vermischen zwei Ebenen:
a) Was ist natürlich? b) Wie ist geschlechtsspezifisches Verhalten im kulturellen Kontext moralisch zu bewerten? (Mit dieser Unterscheidung werden wir uns noch näher befassen müssen.)
Jedenfalls ist die sinnenfreudige Handhabung von Geschlechtsteilen etwas ganz Normales und (jedenfalls in Teilen) Gottgewolltes, und es ist zielführend, für die Fortpflanzung jedenfalls unerlässlich.
Da nun der Evolution die Fortpflanzung/Weitergabe der Gene als primäres Ziel sehr am Herzen liegt, soll dieser Vorgang nicht nur gelegentlich und nebenbei, sondern als zentrale Beschäftigung ausgeübt werden. Für die Evolution war da guter Rat nicht teuer. Sie fügte – bei den sogenannten höheren Lebewesen – dem sich aus der unterschiedlichen Ausformung der Geschlechtsteile ergebenden „Penis-Vagina-Mechanismus" das Lustprinzip hinzu. Was man tut soll auch gut tun, damit man es möglichst oft tut. Eine superschlaue Erfindung, die dem Menschengeschlecht seit altersher die vielfältigsten Freuden beschert hat; entschieden mehr als das mühsame Knabbern an Disteln und Dornen im Schweiße ihres Angesichts.
Ein kurzer Hinblick genügt; so reizend wie Lucas Cranach die Darbietung der paradiesischen Äpfel ausmalt, juckt es auch den Schreiber, geschlechtlichen Angelegenheiten eine Fülle von Worten zu widmen. Das ist nicht ganz einfach, wenn das Hervorzubringende keine platte „Stelle" sein soll.
Wie zuvor in den einleitenden Worten angedeutet, rührt die erste große Schwierigkeit eines Schreibers, der sich zu Geschlechtlichem äußern, infolgedessen zu diesem Komplex ein Schriftwerk verfassen will, daher, dass sich die „Kultur" in die Natur eingemischt hat. (Kaum hatte der HERR Adam und Eva als Naturwesen geschaffen, folgten sie als Kulturwesen der Erkenntnis, dass Paradiesäpfel nicht nur dem Sattwerden, sondern auch einem hedonistisch kulturellen Genuss dienlich sind.) Zum großen Verdruss jener Moralapostel-Ideologen, die allzeit natürliches unbegrenztes geschlechtliches Treiben nur in Ausnahmefällen gestatten wollen, ansonsten als unnatürlich und amoralisch desavouieren, hat die Kultur das natürliche Geschehen um viele delikate Verfeinerungen bereichert. Ich erwähne nur die tantrischen Lehren, die dem karnickelartigen Schnellverfahren des „rauf-und-runter-Ruck-Zuck" das Genussprinzip hinzugefügt hat, so wie ein Fußballspiel zu siedender Spannung gerät, wenn es in die Verlängerung geht. Edle Pralinen soll man genüsslich und langsam im Mund zergehen lassen, statt trockene Kakaobohnen kurz zu kauen und rasch sättigend herunterzuschlucken. Im Kern entspringt dieser kulturelle Genuss sowohl primärer als auch sekundärer Geschlechtsteile, der die natürliche Lust gewaltig aufpeppt, dem uralten Bestreben, natürliche geschlechtliche Spielereien von den sich daraus oftmals erwachsenden natürlichen Folgen abzukoppeln, Genuss ohne die Folgen der Lust zu genießen. (Vielleicht schlummert irgendwo in einer Bibliothek eine „Kulturgeschichte des Kondoms", die unser Wissen der bischöflichen Bibliotheken über die Unkultur der „natürlichen Verhütung" ergänzen könnte.)
So war es eine – für die Moraliker verabscheuungswürdige – Revolution gegen die „guten Sitten", als die „Pille" zum Symbol für Genuss ohne Reue avancierte.
Die erste Schwierigkeit beim Schreiben über Dinge, die sich vor allem am Unterleib abspielen, beziehungsweise Auswirkungen an dieser Stelle haben – es wird Zeit, das genauer zu beschreiben -, besteht darin, die zwei unterschiedlichen Ebenen des Geschlechtlichen auseinander zuhalten. Die Ebene der Beschreibung der Ereignisse, die von den von der Natur gespendeten Freudenbringern bewirkt werden, sowohl ihre natürliche Lust als auch den kulturell verfeinerten Genuss. Daneben die Bewertungsebene des schreibend Erdachten, die wiederum zwei Bedachtheiten erfordert. Es ist durchaus an der Tagesordnung, dass der Verfasser anregender Lektüre „anständig" schreibt, es zumindest beabsichtigt, die Leserinnen und Leser bei ihrer Rezeption der Lektüre jedoch in moralische Entrüstung geraten. Es macht einen Unterschied, ob beim fröhlichen Spiel zwei Puzzlestücke am richtigen Ort passgenau zusammengefügt werden, oder ob Betschwestern und –brüder solche Vergnügungen moralisch höchst unpassend finden.
(Fortsetzung folgt)
8:49 AM
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Monday, June 16, 2008
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Emanzipation
Current mood: intense
UDO
Divenmäßig launisch wie das knallharte Leben manchmal an mir herumspielt, hat es schon mehrmals einen großen Haufen Typen von Menschen, die ihr Geld ehrlich durch schwere Berufsarbeit verdienen, statt ihr Geld für sich arbeiten zu lassen, an meinen regulären Stammtisch gespült, an dem sie in meinem geselligen Beisein immer wieder mein Herz ergreifen und zerreißen, wenn sie – das eine mal ohne, das andere mal mit Tränen in den Augen – mir im Originalton Bericht erstatten.
Da ist zum Beispiel der Udo.
Udo stammt zwar aus einem sogenannten guten Hause, wofür er nichts kann, steht jedoch mit dem linken und rechten Bein mitten im Leben – in dem er manches kann -, wo er in einem schlechten Hause, das auch von Menschen aus gutem Hause frequentiert wird, mit seiner harten Hände Arbeit sein ehrliches Geld verdient. Er übt in einem oberschichtigen Bordell als Fließbandarbeiter den Anlernberuf eines Leintuchwechslers aus.
Praktischerweise ist Udo mit Francoise (ihr Deckname) liiert, die als quirlende Entspannerin die zu ihren unterleibszentrierten Diensten Gerufenen so häufig wechselt, dass auch Udo, manchmal außer Atem, alle Hände voll zu tun hat. Ein vorbildlich eingespielteinspielendes Team.
Doch was heißt schon ‚liiert'? Udo und Francoise verwirklichen lediglich – beide sind standesamturkundlichbeglaubigt ledig – eine moderne Spielart von Partnerschaft. Wenn sie von der schweißundsonstigsekretansondernden Nachtschicht als 2 selbständige Bedarfsgemeinschaften in ihr von einem Jägerzaun umgrenztes Reiheneckhaus heimkehren füttern sie zuerst Hansi, den Papagei von Udo, dann Muschi, das Meerschwein, das Francoise seit ihrer ausgelaufenen Pubertät ans Herz gewachsen ist. Um nach einer Pfanne mit Spiegeleiern und Bratkartoffeln zu entspannen, bumsen sie ein paar Minütchen, die sich bis zu knapp einem halben Stündchen in die Länge ziehen können, ein wenig herum. Dabei erleidet Francoise nie, aber Udo meistens eine Gewichtsabnahme als Folge eines Flüssigkeitsverlustes. Dann haben die armen Seelen für mehrere Stunden ihre Ruhe, bis sie am frühen Mittag wieder zum wachen Leben aufwecken. Mit einer Maggifix5MinutenSuppenterrine bringen sie ihre Lebensgeister wieder auf Vordermannundfrau. Um 19.32 Uhr kommt dann wieder der Ernst des Lebens auf Udo und Francoise zu. Wenn sich Francoise gegen 20.21 Uhr berufskompatibel aufgebrezelt hat, bringt sie Udo mit einem Quicki a tergo auf Betriebstemperatur. Dann taxifahren die Beiden zur Nachtschicht.
Ich finde diese Rollenverteilung im Berufsleben erschreckend ungerecht und extrem männerdiskriminierend. Wirklich erschreckend für eine angeblich männerdominierte Gesellschaft. Pfui Teufel, wo soll das enden? Eine typisch kapitalistischneoliberale Ausbeutung der Männer, die dringend der aufbauenden Hilfe von Gleichstellungsbeauftragten bedürfen, damit sie gleichberechtigt mit den Frauen die anerkennende Zuwendung der Männer genießen können. Diese Meinung hat schon Bert Brecht, der unermüdlich in emanzipierte Frauen, auch deren Gefühle – was bisher nur ungenügend thematisiert ist - eindringende, mit mir geteilt, als er in seiner zutiefst lakonischen Analyse feststellte: „Die Eine arbeitet bei Licht, den Leintuchwechsler sieht man im Dunkel nicht."
Die wahre Emanzipation, die der Männer, steht noch aus.
7:59 AM
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Monday, June 09, 2008
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Ein Erlebnis
Current mood: amused
DAS SELTSAME VERHALTEN DER STÄDTER BEIM BESUCH DES LANDVOLKS ZUR OSTERZEIT
4. KAPITEL
KAFFEE
Zum Kaffeetrinken fuhren wir ein paar Kilometer weiter zum „Waldfrieden", das – entsprechend der Logik der Städter - sehr gut ist, weil Bärbel und Paul 1986 und 1989 schon mal da waren. Die Bedienungskraft war sehr ordentlich und erfreulich anzusehen, was auch damit zu tun hat, dass sie 1986 und 1989 noch zu jung war, um als geprüfte Fachkraft in der Gastronomie Gäste zu bedienen.
Fachkraft: „Was darf es sein?" Reinold: „Einen Capuccino." Bärbel: „Ist der auch aufgeschäumt wie bei uns in Düsseldorf?" Fachkraft: „Selbstverständlich." Bärbel: „Dann nehme ich den auch." Paul: „Für mich ein Kännchen Kaffee." Anna: „Haben Sie auch Tee?" Fachkraft: „Selbstverständlich. Orange Pekoe, Earl Grey, Golden Flower ..." Anna: "Orange Pekoe, den bin ich gewöhnt, den trinkt man in unseren Kreisen auf der Kö." Und noch eine Weile so weiter, bis alle ihre Bestellung aufgegeben hatten.
Bärbel verschwand kurz auf die Toilette, an der sie nichts auszusetzen fand, wie sie uns berichtet bis die Getränke kommen.
Anna: „Die spitzen Schuhe werden wieder Mode. Weißt Du noch, wie früher zu unserer Zeit. Unsere Susanne hat auch ein Paar." Bärbel: „Unsere Sibylle zwei. Stell Dir vor, sogar das Kindermädchen für meine Enkel." Reinold: „Es kommt alles wieder, was damals zu unserer Zeit gut war." Bärbel: „Aber Deine Haare Reinold, werden weniger und kommen nicht mehr." Anna: „Die von Paul auch." Paul: „Weißt Du noch Reinold, auch Dein Großvater, Dein Vater und alle Deine Onkel ..." Reinold: „Ich trags mit Fassung. Auch unser Verbandspräsident, Du kennst ihn ja, und der Vorstandsvorsitzende mit dem Du ab und zu Golfen ..." Paul: „Auch mein Staatssekretär, den ich Dir nach dem letzten Konzert vorgestellt habe, kann es nicht verbergen." Bärbel: „Bei Eueren Enkeln Anna, sieht es auch danach aus." Anna: „Unser Kindermädchen, die es als Fachkraft wissen muss, hat mir gesagt, dass die beiden noch zu jung sind, um das entscheiden zu können. Bei ihrem Onkel Wilhelm hat es auch gedauert."
Wir zahlten nach dem ausführlichen persönlichen Gespräch bei der Fachkraft und traten ins Freie um Abschied zu nehmen.
ABSCHIED
Anna, Bärbel, Corinna, Paul, Jürgen, Reinold, Jessica, Josef (jeweils in Zweierformation): „Es war schön Euch mal wieder zu sehen."
Die Tosca-getränkte Panade und die Maiglöckchenspachtelmasse hatten sich gut gehalten.
Jessica: „Es wäre schön, Euch bei einer Vernissage zufällig wieder zu sehen." Reinold; „Ihr habt gar nichts von Euch erzählt." Josef: „Beim nächsten Treffen von uns alten Freunden ist sicher Zeit dafür."
Wie eingangs erwähnt, nahm das Rahmenprogramm zum Pauschalarrangement „1 Woche unter Apfelblüten mit Halbpension" 5,3 Stunden Zeit in Anspruch."
9:11 AM
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Tuesday, June 03, 2008
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Ein Erlebnis
Current mood: amused
DAS SELTSAME VERHALTEN DER STÄDTER BEIM BESUCH DES LANDVOLKS ZUR OSTERZEIT
3. KAPITEL
HAUPTGERICHT
Der Ober brachte für Reinold einen „Rücken vom Weiderind in der Bärlauchkruste", für Paul gab es „frischer Stangenspargel aus dem Markgräflerland an einer Bärlauchmousse", Bärbel und Anna hatten „Dreierlei in zartem Bärlauchmantel" gewählt. Jürgen schloss sich Reinold, Corinna Paul an. Der Besuch aus der Stadt spielte natürliches Landvolk und schwärmte von den Golfplätzen in St. Moritz und Marbella, wo sich echter Landurlaub verwirklichen lässt. Diese Information war sehr interessant. Jessica und Josef blieben ihrem ländlichen Genusssinn treu: „Ochsenbrust badisch" und „Kalbsnierle".
Bärbel: „Bei uns in Düsseldorf ist Bärlauch absolut in." Anna: „Im Steigenberger wird er sogar zweimal aufgeschäumt." Bärbel: „Paul, vergiss nicht die Serviette in Dein neues Hemd ... es sieht Dich hier kein Kollege." Reinold: „Josef, ich wusste, dass Du die Kalbsnieren ..." Josef: „Wieso denn das?" Reinold: „Weißt Du noch, schon damals im „Großen Meyerhof" hast Du Nierle, Kutteln, Leberle, Züngle ..." Josef: „Ich liebe immer noch die Delikatessen, die es bei Euch nördlich des Mains nur in der Theke für Hundefutter zu kaufen gibt." Bärbel: „Da Du gerade Hundefutter erwähnschd Josef, meine Haushälterin leidet seit drei Jahren schwer unter Hühneraugen, woischd." Josef: „Gekocht oder gebraten?" Bärbel: „Da bringschd Du mich auf eine Idee, woischd, ich muss meine Haushälterin mal fragen." Paul: „Wir haben da noch ein schwieriges Problem, da könnt Ihr vom Land uns vielleicht helfen." Jessica: „Was habt Ihr Städter denn für schwierige Probleme?" Paul: „Wir haben uns vor drei Jahren ein artgerechtes Meisenhaus aus Beton gekauft und auf den Balkon gehängt." Jessica: „Und seither habt Ihr eine Meise?" Paul: „Eben nicht. Im Frühling haben die Meisen dort ihre Eier reingelegt, die jungen Küken sind geschlüpft. Doch als Bärbel beim gründlichen, wöchentlichen Hausputz auch das artgerechte Meisenbetonhäuschen ordentlich säuberte, lagen die Meisenküken tot und verdörrt darin." Bärbel: „Ich habe dieserhalb, woischd, den Vogelberater vom BUND kontaktiert, der war sehr nett und hat mir geduldig zugehört." Jessica: „Was hat er Euch geraten?" Paul: „Vielleicht hängt unser artgerechter Meisenbetonkasten zu stark in der Sonne, sodass die Jungvögelchen darin austrocknen. Was würdet Ihr vom Land dazu sagen?" Josef: „Folgt dem Vogelberater vom BUND, der kennt sich mit Leuten, die eine Meise haben, bestens aus. Stellt das artgerechte Meisenbetonhäuschen in den Kühlschrank und lasst die Meisen in den Bäumen, Büschen und Hecken nisten. Dort wird die Brut artgerecht groß." Paul: „Das ist schwierig. Wir Städter haben zwar einen Kühlschrank, aber Bäume, Büsche und Hecken sind auf unseren Grünabstandsflächen gemäß Freiflächennutzungsverordnung nicht erlaubt." Jessica: „Da habt Ihr Städter wirklich ein Problem."
Reinold metzelte artgerecht an seinem „Rücken vom Weiderind in der Bärlauchkruste" herum, Paul – die Serviette im Halskragen seines neuen Hemdes – spargelte – bisher tropfenfrei – die Bärlauchmousse, Anna und Bärbel hatten bald das Erste vom Dreierlei mit Bärlaucheinerlei hinter sich gebracht.
Anna: „Du Jessica, unser gemeinsamer alter Freund Dieter hat Euch kürzlich besucht und uns berichtet, wie erstaunlich reif Deine Kunst geworden ist, obwohl Du auf dem Lande lebst. Wie machst Du das?" Jessica: „Ich lebe halt." Anna: „Ich und Reinold leben ja auch sehr kunstinteressiert." Jessica: „Wie ist das in der Stadt möglich?" Anna: „Der Reinold bekommt in seiner Stellung freie Eintrittskarten zu den bedeutenden Vernissagen, sodass wir immer zu den Ersten gehören, die in den Genuss der erlesensten Kunst kommen." Jessica: „Wie geht es denn da zu bei dem Kunstgenuss?" Reinold: „Zum Beispiel vor kurzem in Köln. Da hat der ... wie hieß er noch mal ... wir hatten doch vor zwei Jahren bei ihm in Berlin schon mal Freikarten ... jedenfalls waren alle da, die bei solchen Kunstanlässen immer da sind, um sich etwas bieten zu lassen." Anna: „Auch der Kulturreferent von Düsseldorf war da und hat sich die Kunst bieten lassen, und wir haben dann lebhaft Gedanken ausgetauscht." Reinold: „Auch der Gerold, weißt Du noch Josef, der Bruder vom Franz, der auch in der CDU ist, war da und hat mir im Vertrauen erzählt, dass er Bezirksvorsitzender werden will." Anna: „Gisela, die Frau von Gerold, die auch da war, hatte ein geschmackloses Kleid bei der Vernissage an, das passte überhaupt nicht zu den frischen Farben, die der Künstler bei seinen Bildern, die er auf der Vernissage zeigte, verwendet hat." Bärbel: „Genau, woischd, das hab ich auch zur Erika, der Frau des Staatssekretärs, der leider verhindert war, gesagt. Paul und ich waren nämlich bei der Vernissage in Köln auch da, weil Paul in seiner Stellung Freikarten zu den Kunstgenüssen hat. Aber ich fand die andere Vernissage in Düsseldorf bedeutend besser. „Irgendwie moderner und zeitgemäßer" hat mir der Art Director – ein Rotary Freund von Paul – bestätigt. Beim Gespräch zum Kunstgenuss haben Paul und der Art Director auch verabredet, dass sie unbedingt mal zusammen Golfen müssen. Kunstvorführungen haben schon ihre guten Seiten, sie bringen die Menschen einander näher."
Wir waren beim Genuss der Hauptgerichte schon deutlich über die Mitte gekommen.
Josef: „Bei uns auf dem Land gibt es auch einen Golfplatz in Heimbach." Paul: „Ich weiß. Aber keine Konzerthalle wie bei uns in Düsseldorf." Bärbel und Barbara (gleichzeitig): „Wo wir unsere Männer beim Premierenabonnement, für das wir wegen ihrer Stellung Freikarten haben, immer begleiten." Reinhold: „Zuletzt gab es einen großen philharmonestischen Abend." Anna: „Fang nicht wieder davon an. Du hattest Dich in die erste Geigerin verguckt, wegen dem großen Ausschnitt, dabei war ihr Kleid einfach scheußlich." Reinhold: „Ist ja gut. Wir haben uns darüber ausgesprochen und sind seither wieder gemeinsam Deiner Meinung." Bärbel: „Finde ich auch, woischd, dass eine gemeinsame Meinung, bei der der Mann blind, wie man so sagt, versteht, was die Meinung seiner Frau ist, die Grundlage einer stabilen Ehe ist." Anna: „Am Schluss des Konzertes hat eine Sängerin ganz toll gesungen. Die ist weltberühmt stand am Donnerstag auf der Kulturzeitung unserer Regionalzeitung." Paul: „Es stand in der WELT." Anna: „Ist ja auch egal. Jedenfalls waren wir bei einer weltberühmten Sängerin, die uns Hochkultur darbot, und der Präsident des Oberverwaltungsgerichts saß eine Reihe hinter uns."
Der Ober räumt ab, wir zahlten.
8:56 AM
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Friday, May 30, 2008
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Krampfgeschreibsel
Current mood: enraged
MAGERQUARK AUS EINER EDELFEDER
Und wieder hat ein gebildeter Obersülzer der BILD für Intellektuelle, hat eine führende Edelfeder der ZEIT an prominenter Stelle groben Unfug in die Welt gesetzt. Kosten wir mit gespitztem Bleistift die schlaumeiernde Interpretation des Grundgesetzes in der Einleitung zum Leitartikel auf Seite 1 der Nr. 23 vom 29. Mai 2008. „Nachdem die SPD nun doch Gesine Schwan gegen Horst Köhler in Stellung gebracht hat, ist aus der Wahl des nächsten Bundespräsidenten das geworden, was das Grundgesetz wollte: eine an eine plebiszitäre Wahl gemahnende Kampagne und ein unmittelbares Instrument im Vorwahlkampf für die Bundestagswahl des Herbstes 2009."
„Lesen, lesen, lesen!", dringend fordern wir den Schreiberling auf, die Forderung seiner schlauen Kollegin im Feuilleton nach intensiver Lektüre zu beherzigen. Auch für ihn gilt die bewährte Weisheit, dass die Lektüre des Grundgesetzes dessen Interpretation ungemein erleichtert.
Man mag es drehen und wenden wie man will, auskochen, durch den Mixer oder den Entsafter jagen: das Grundgesetz enthält noch nicht einmal ein Spurenelement und den geringsten Hinweis auf seinen Willen, ein „unmittelbares Instrument im Vorwahlkampf für die Bundestagswahl 2009" zu sein. Auf eine derart absurde Idee ist bisher noch nicht einmal eine Quasselstrippe von Parteisprecher gekommen. Diese Erfindung der Edelfeder ist schlicht: Tinnef.
Von keiner Sachkenntnis gezeugt, ja, grob die Wirklichkeit entstellend ist der andere Teil der einleitenden These vom plebiszitären Charakter der Wahl des Bundespräsidenten. Noch das Plebiszit des Volkes gemäß der Weimarer Verfassung für Hitler im eigenen Erleben, haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes alles getan, um die Bürgerinnen und Bürger von der Wahl des Bundespräsidenten fern zu halten. Nach Art 54 GG wählen zur Hälfte die Mitglieder des Bundestages, zur anderen Hälfte von den Volksvertretungen der Länder gewählte Wahlberechtigte den Bundespräsidenten in der Bundesversammlung. Dieses Wahlverfahren hat alles andere als einen plebiszitären Charakter.
Die Annäherung an das gedankenlose Geschreibsel des Boulevards mag für unsere Edelfeder gute Gründe haben. Herumschwadronieren über das Grundgesetz, das seinen Inhalt grob entstellt, ist auf keinen Fall zu rechtfertigen.
9:34 AM
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Monday, May 26, 2008
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Ein Erlebnis
Current mood: amused
DAS SELTSAME VERHALTEN DER STÄDTER BEIM BESUCH DES LANDVOLKS ZUR OSTERZEIT
2. KAPITEL
SUPPE
Die Kellnerin, die unsere Bestellung aufnahm, war gut erzogen und in einigen Berufsjahren gegen das Gebaren von Städtern abgehärtet. So nahm sie ohne in brüllendes Gelächter auszubrechen, den Städtersketch zur Kenntnis, als den die Städter – unbewusst – ihre Bestellung gestalteten. Nur die Mundwinkel der Kellnerin verrieten dem Kenner ihren amüsierten Zustand.
Bärbel: Ich nehm das Bärlauchsüppchen." Anna: „Ich auch." Paul: „Ich auch." Reinold: „Ich feine Kraftbrühe an Bärlauchknödele." Bärbel: „Bei uns in Düsseldorf ist Bärlauch absolut in, woischd Josef." Corinna: „Weißt Du Josef, die besseren Kreise, wo wir verkehren tun, sind so total begeistert vom Natürlichen, wie dieser köstliche Bärlauch." Jürgen: „Woischd Josef, vor allem, wenn des Grünzeug mit oinem Hightech-Mixer zu oinem heißen Schaum geschlagen wird." Anna: „Im Steigenberger wird sie sogar zweimal aufgeschäumt. Der Steigenberger bietet halt die gehobene ländliche Küche vom Feinsten. Sogar der Herr Staatssekretär, mit dem ich kürzlich … da kommt schon die Suppe." Ich fand das sehr putzig, mit welcher Inbrunst die Städter die Landbewohner, die hinter dem Mond leben, über das wahre Leben aufzuklären suchten. Bärbel: „Paul vergiss nicht die Serviette über Dein neues Hemd ... hier sieht Dich kein Kollege." Paul: „Ich denke daran." Corinna: „Jessica, gibt es bei Euch auf dem Land auch Bärlauch?" Jessica: „Ja, an dem Spitzberg und an der Kreuzeiche in Massen, den fressen die Hasen mit wahrer Leidenschaft." Ich: „Sie sind so versessen darauf, dass wir ihn noch nicht einmal zu Schaum schlagen müssen." Reinold: „Weißt Du noch, als wir damals im „Hirschen" im Glottertal Hasenpfeffer ... Mensch, was waren wir damals besoffen!" Paul: „So jung kommen wir nie mehr zusammen. Es geht nichts über eine alte Freundschaft!"
Draußen blühten unverdrossen die Apfelbäume. Bedienung: „Die Herrschaften, die Süppchen, bitte."
Anna: „Danke." Bärbel: „Danke." Paul: „Danke." Reinold: „Danke." Bärbel: „Die Serviette Paul. Hier sieht Dich kein Kollege." Paul: „Danke." Bärbel: „Ich habe da zufällig ein Bild von meinen zwei Enkeln ..." Handtasche auf. Anna: „Ich auch, ich habe drei." Handtasche auf.
In den folgenden 15 Minuten, während denen die Bärlauchsüppchen verzehrt wurden, machten 281 Bilder von 5 Enkeln „unter dem Weihnachtsbaum" die Runde. Ein Bild wie das andere, brennende Kerzen und leuchtende Augen.
Corinna: „Ganz der ..." Jürgen: „Ganz die ..." Jessica: „Wie süß ..." Paul: „Ganz der …" Josef: „Euere Weihnachtsbäume sind sehr gleichmäßig gewachsen." Paul: „Unsere Sibylle will nach den zweien jetzt aufhören." Josef: „So, so." Reinold: „Unsere Susanne will weitermachen." Josef: „Reinold, katholisch-ungeschütztes Karnickelsyndrom?" Paul: „Weißt Du noch Josef, wie Du und Herbert damals im „Adler", so sturzbesoffen wie Ihr wart, in der Küche über alle Herde ..."
Während Paul die alte Story aufwärmte – sie war noch prächtiger geworden seit er sie bei unserem letzten Treffen vor 4 Jahren auffrischte, schon damals 9 Jahre zuvor war sie wesentlich gehaltvoller als in der Realität (Falls es Sie interessiert, vor 35 Jahren hatten wir im „Adler" einigermaßen einen getankt. Als der Kellner um 01.00 Uhr Feierabend machen wollte, gingen Herbert und ich zum Wirt im Office und baten zustandsadäquat höflich um die Gnade einer letzten Lage) -, nutzte die Bedienung die Zeit, um die Suppenteller abzuräumen, sodass es zügig mit dem Hauptgang los gehen konnte.
Bärbel ging kurz zur Toilette, dabei begleitete sie Corinna, weil Frauen immer zu zweit zur Toilette gehen. Sie fanden dort kaum etwas auszusetzen, wie sie uns ausführlich berichteten bis die Hauptgerichte kamen. Es war sehr erfreulich von den Städterinnen zu hören, dass man heutzutage auf dem Land ohne hygienische Bedenken auf die Toilette gehen kann. Allein dieses Wissen waren Jessica und mir die 5,3 Stunden des Treffens mit den alten Freunden wert.
6:11 AM
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Monday, May 19, 2008
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Ein Erlebnis
Current mood: amused
DAS SELTSAME VERHALTEN DER STÄDTER BEIM BESUCH DES LANDVOLKS ZUR OSTERZEIT
1. KAPITEL
Das Verhalten der Städter, die ihre pittoresken Verhaltensmuster zum Besuch eines Freundes zur Osterzeit mitbringen, ist so seltsam wie die Ticks, die Wildtiere, die in die Gefangenschaft des Zoos geraten, entwickeln. So erscheint es jedenfalls uns Menschen, die wir ganz normal auf dem Land leben und die Städter aus dem Freundeskreis für 5,3 Stunden nicht in einer Comedyshow des Fernsehens, sondern live erleben.
Die mir befreundeten Städter nutzten die Osterzeit für ein Pauschalarrangement „1 Woche unter Apfelblüten mit Halbpension", was an sich noch nicht so seltsam ist, als dass es den Titel dieses Erlebnisberichtes rechtfertigen würde. Die Wagemutigen unter ihnen legten während der Pauschalwoche sogar tagsüber ihre Krawatte ab, hoffend, dass Kollegen und Geschäftsfreunde nicht das gleiche Schnäppchen gebucht hatten, was zu peinlichen Begegnungssituationen in unkorrrektem Bekleidungszustand führen könnte. Eine ebenfalls nicht besonders erwähnenswerte Bagatelle. Aber anderes ist durchaus beschreibenswert.
Da ihre Halbpension kein Mittagessen einschloss, ermunterte sie das Zeitraster des Pauschalarrangements „1 Woche unter Apfelblüten" dazu, sich an einen alten, seit einigen Jahren nicht mehr gesehenen Studienfreund zu erinnern, der in der Nähe des Pauschalschnäppchens auf dem Land lebt, und mit ihm ein Treffen zu vereinbaren. Das Erleben eines solchen Treffens alter Freunde erlaubt den sicheren Schluss, dass mit dem Pauschalarrangement um die Osterzeit „1 Woche unter Apfelblüten" noch zwei weitere Zwecke verfolgt wurden: a) Des öfteren Sätze mit „Weißt Du noch ...?" einzuleiten. b) Bilder mit dem Motiv „Enkel unter dem Weihnachtsbaum" herumzureichen.
Damit ist die Seltsamkeit der Verhaltensmuster hinreichend angedeutet, um das Intereresse an einer näheren Beschreibung zu wecken. Bitte achten Sie darauf, dass dieser Erlebnisbericht nicht den Eindruck erwecken will, es sei seltsam, dass die Städter alt werden. Nur – wie.
Unser Treffen als Rahmenprogramm zum österlichen Pauschalschnäppchen lässt sich in 5 Akte gliedern, von denen jetzt wie folgt berichtet werden soll.
1. BEGRÜSSEN
Die Städter Reinold, Paul, Jürgen (in jeweiliger Zweierformation der Begleitung der ihnen zugehörenden Damen) einer nach dem anderen: „Schön, Dich mal wiederzusehen, alter Junge, hast zugenommen, wie geht's?" Händedrücken, auf-die-Schulter-Klopfen, alte-Freunde-Lächeln. Der landlebige Josef (Küsschen links, Küsschen rechts bei der 1. Damenbegleitung): „Du hast Dich überhaupt nicht verändert Bärbel." Wischt sich dezent ein paar Krümel Tosca-getränkter Fassadenpanade weg, die an seiner Oberlippe hängen geblieben sind. Bärbel: „Woischd Josef, ich nehm Ayurveda, ein Geheimtipp von Gisela, der Nichte meiner Tante mütterlicherseits, die vor 2 Jahren verstorben ist, bevor sie mir eine Erbschaft ..., woischd." Josef (Küsschen links, Küsschen rechts bei der 2. Damenbegleitung): „Du hast Dich überhaupt nicht verändert Anna." Streift sich diskret ein paar Reste von Maiglöckchenspachtelmasse ab, die an seinen Wangen hängen geblieben sind. Anna: „Ich schwöre auf Kohlsuppendiät. Wenn meine Verdauung regelmäßig kommt, hält mich das jung." Die Nichte der Erbtante und die Kohlsuppe waren mir neu. Alle (gleichzeitig): „Schönes Wetter, so jung kommen wir nicht mehr zusammen, weißt Du noch, früher haben an Ostern auch schon die Osterglocken geblüht." Und so. „Hoffentlich haben die was Ordentliches auf der Speisekarte." Josef bei Corinna, der 3. Damenbegleitung: wie bei Anna und Bärbel, einschließlich der Kostprobe einer Fassadenverkleidungsmasse, siehe oben. Reinold, Paul und Jürgen mit der landlebigen Jessica, der lieben Frau von Josef: wie Josef mit Bärbel, Anna und Corinna sie oben, jedoch ohne den Genuss abbröckelnder Antiätschbemühung. Alle (gleichzeitig): „Schönes Wetter, so jung kommen wir nicht mehr zusammen, weißt Du noch, früher haben an Ostern auch schon die Osterglocken geblüht." Und so. „Hoffentlich haben die was Ordentliches auf der Speisekarte." Josef: „Ich glaube die Suppe ist gar, lasst uns reingehen". Reinold, Paul und Jürgen fast gleichzeitig: „Ganz der Alte, hat immer noch so nützliche Ideen, ha, ha, ha!" Bärbel, Anna und Corinna gleichzeitig: „ha, ha, ha!" Das Betreten des Landgasthofes beendete den ersten Akt des Bauerntheaters, das die Städter aufführten.
7:13 AM
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Tuesday, May 13, 2008
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Boulevardisierung
Current mood: dorky
BOULEVARDISIERUNG
Die debilisierende Boulevardisierung der Qualitätspresse ist ein hochgejazztes Ammenmärchen. Ein ideologiefreier Blick in die Praxis zeigt einen in das Auge springenden fundamentalen Unterschied zur Boulevardpresse. Nehmen wir zur Untermauerung der These die Berichterstattung der letzten Woche als eindrucksvollen Beweis. Die niveaulos populistische yellow press füllte mit dem scheußlichen Dauerinzest des unmenschlichen Österreichers neben dem standardisierten Nacktgirl die ersten Seiten, während die herzige Heiligkeit des Dalai Lama erst auf Seite drei abgehandelt wurde. Die Edelfedern der Qualitätspresse füllten mit dem Leuchtturm eines Menschenrechtvertreters den Titel und den Kommentar der ersten Seite und hoben den Dauerinzest zur Erschütterung der Seite drei auf.
Ansonsten ist das Internet mit den rüden Gewaltspielen und den vielen Pornos an allem schuld.
8:37 AM
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Monday, May 05, 2008
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Schwarzer Rettich
Current mood: giddy
Lydia
Lydia war ein rassiges Biest, scharf wie ein schwarzer Rettich – oder, von mir aus, eine mit Dijonsenf gefüllte Dose, wenn Ihnen dieser Vergleich besser gefällt -, ein heißer Feger wie aus dem Bilderbuch.
Sie wissen schon, was ich meine, gucken Sie mir nicht so aus Ihren ungläubigtreuherzigdackelblicklichen Unschuldsäuglein in meine Sehhilfe, ich kann doch mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass Sie wahrscheinlich schon einmal ein Bilderbuch für Erwachsene in den Händen hielten. Was kommt Ihnen bei der Erinnerung daran nicht alles hoch! Was hat Ihnen das Bilderbuch nicht alles in die Augen getreten! Jawoll, es war eine fast komplette Ansammlung von unterschiedlichen Biestern, eine Vielfalt, wie sie noch nicht einmal das Kursbuch der DB bietet, und das bietet allerhand an. Solche und solche waren in dem Bilderbuch in einer Versammlung versammelt, und überdies auch andere wie die rassigscharfe Lydia.
Damit Sie jetzt nicht zum Höhepunkt kommen halte ich inne. Ich schreibe doch keinen Schmuddelkram für den Bahnhofskiosk, sondern für das Internet.
8:03 AM
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Monday, April 28, 2008
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Kulturleben
Current mood: amused
BRIGITTE Kulturträgerin in der Kleinstadt
„Es war einmal ...". Weil alle Märchen, die von der Wirklichkeit erzählen, so anfangen, beginne ich auch so klassisch das Märchen von Brigitte. „Es war einmal Brigitte ...". Ist doch schon mal als Einleitung ganz ordentlich. Und ohne Kommafehler, sagt mein Rechtschreibprogramm.
Es war einmal Brigitte. Sehr blond in jeder Beziehung, was für alle unstreitig ist, die sie nicht nur gelegentlich in Augenschein genommen, sondern auch versucht haben, drei zusammenhängende, einigermaßen sinnvolle Sätze mit ihr auszutauschen. Was gar nicht so einfach war und ist, da Brigitte schon in ihrer blühenden Jugendzeit (wie man das zu nennen pflegt) sehr einfach und übersichtlich ausgestattet war. (Das ist kein Schuldvorwurf und soll nicht machoartig gegen Frauen hetzen. Das ist halt einfach nur so, wie es auch blonde Männer gibt. Die Natur ist gerecht beim Nicht-Zuteilen gewisser Gaben.) Brigitte hat inzwischen die Karriereleiter erklommen, die medizinisch-technische Assistentin ist zur Chefarztgattin mit angeschlossener Edelboutique arriviert, und zu einer tragenden Säule des Kulturlebens unserer Kleinstadt geworden. Sehen Sie, da sind die weiblichen Blondinen gegenüber den männlichen Blonden klar im Vorteil. Den auch ein/e Gleichstellungsbeauftragte/r nicht beseitigen kann. Unnatürliches kann die Natur nicht beseitigen, das wissen wir doch spätestens seit Darwin. In einer Kleinstadt kann es sich kein Chefarzt leisten („das ist gut so"), sich einen Assistenten mit angeschlossener Edelboutique zuzulegen. Das gibt es allenfalls in Großstädten, die es jedoch in den Kleinstädten (offiziell) nicht gibt. Trotz gewisser Alterungserscheinungen, die das Leben in unserer Kultur so mit sich bringt, wenn die Jugendblüten verwelkt sind und ziemlich Frucht ansetzen. Aber sehr blond ist Brigitte immer noch.
Hermann, ihr Chefarzt, der sie arriviert hat, der die Kosten von Brigittes Edelboutique, dem Rat seines Steuerberaters (der auch für die wichtigsten Kultureinrichtungen unserer Kleinstadt Jahresbeiträge entrichtet) folgend geschickt als eigene Betriebsausgaben steuermindernd einzusetzen weiß, trägt inzwischen standesgemäß graumelierte Schläfen, was mit seinem silbergrauen S 911 recht gut zusammenpasst. Dieses Standing zwingt ihn auch geradezu, gemäß der modernen Kultur neben seiner Betriebsausgabe Brigitte auch noch weitere, spesenträchtige Beziehungen von mehr oder weniger langer Dauer zu pflegen und zu unterhalten. Manche Kleinbürger in unserer Kleinstadt, in der Brigitte und Hermann die Kultur beleben, sagen – ungebildet wie die Kleinbürger so sind -, Hermann betrügt Brigitte. Nicht immer, aber immer öfter, seit er standesgemäß graumelierte Schläfen dem Fahrtwind präsentiert, wenn er im S 911 unterwegs ist. Da sieht man wieder einmal, dass das einfache Volk mit dem hohen Kulturgut des Strafgesetzbuches (hier: § 263) nichts am Hut hat. Es müsste sich doch langsam herumgesprochen haben, dass beim Bewirken außerehelicher Betriebsausgaben, wie es typischerweise bei graumelierten Chefärzten geschieht, weder falsche Tatsachen vorgespiegelt, noch wahre Tatsachen unterdrückt, schon gar nicht den Zuwendungsempfänger/innen/n ein Vermögensschaden zugefügt wird. Alle Beteiligten haben doch etwas davon. Die verstehende Rechtskultur in diesem unserem Lande muss noch entscheidend tiefer im Volksbewusstsein verankert werden.
Natürlich weiß Brigitte genau Bescheid (schon deshalb kann von Betrug gemäß § 263 StGB keine Rede sein, der Ahnungslosigkeit voraussetzt, welche bei Blonden allerdings prima facie zu vermuten ist.) und hat nicht nur eine Ahnung, sie, die sonst keine Ahnung hat. Bei den Kulturveranstaltungen in unserer Kleinstadt, bei denen entweder sie oder Hermann nicht anwesend, zumindest außer Hörweite sind, wird natürlich unter den besten Freundinnen und Freunden unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit das gerade aktuelle, kulturell hochstehende Verhältnis durchgerüchtelt, was von Brigitte selbstverständlich am nächsten Morgen brühwarm unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit seitens der besten Freundinnen in schier endlosen Telefonaten, liebevoll ausgeschmückt und kommentiert, beplappert wird. Kulturträgerinnen halten die Kultur auf dem neuesten Stand.
Dennoch hat Brigitte bis heute noch keinen Gedanken (solche hat sie ja auch manchmal, welche ist nicht erwähnenswert) auf die Frage verschwendet, ob sie sich von ihrem betriebausgabenübernehmenden Chefarzt scheiden lassen soll. Soviel hat sie immerhin im Laufe der Jahre als angeschlossene Edelboutique von der Kultur der ehrbaren Kaufleute mitbekommen (alle Achtung!), dass sich eine Edelboutique in einer Kleinstadt nicht halten lässt, wenn die Einnahmen geringer als die Betriebsausgaben sind, sofern letztere nicht steuermindernd anderweitig einsetzbar sind. Das Leben ist hart. Eine Chefarztgattin mit angeschlossener Edelboutique bedarf des gesicherten Anschlusses an einen Chefarzt.
Zumal inzwischen Bertram (31), Brigittes Sohn, zum Berufssohn herangewachsen ist. Weder in Hinsicht auf Begabung (woher sollte die auch kommen ?) noch ehrgeizige Neigung, bekundet er die geringste Affinität zu der Vorstellung, durch Arbeit Geld zu verdienen. Für irgendwas müssen doch Eltern gut sein. Bertram (31) ist jedoch fester Bestandteil der Alternativkultur. Die gibt es inzwischen auch im Kulturleben unserer Kleinstadt. Damit müssen wir halt leben.
Bei den Vernissagen des örtlichen Kunst- und Kulturvereins, in dem Brigitte und ihr Chefarzt fördernde Mitglieder sind, ist sie immer präsent. Was mehrere Gründe hat. Das neckische Fingerfood und das Glas Prosecco in den feistmanikürten Händen machen sich doch schwer cool als Plapperbegleitung zum Geschwätz nach den einführenden Worten, die von einem beamteten Experten für Kulturelles zuvor dargeboten werden. Dann trifft man dort immer alle, die immer dort sind, nachdem sie sich beim Bussi links, Bussi rechts gegenseitig das Gesichtsmakeup berochen haben, und danach bei dem immer gleichen Gedaddel über die tiefgründigen Anregungen der Kunst in lockeren Grüppchen zusammenstehen. Eigentlich sieht das ganz lustig aus.
Und natürlich trifft Brigitte dort das Marktsegment ihrer Edelboutique (Markenzeichen: „ab 45 Jahren, ab 78 Kg, ab 850,- €"), das es für eine Geschäftsfrau neben der Kultur zu pflegen gilt. Ein Marktsegment, in dem das textilmäßige Beherrschen der Überweiten, zu denen die Oberweiten im Lauf der Zeit geworden sind, erfolgsbestimmend ist. Es ist eines der strukturellen Elemente kleinstädterischen Kulturlebens, dass Kulturträgerinnen und Trägerinnen von Überweiten eine große gemeinsame Schnittmenge haben.
Brigitte besucht auch regelmäßig die Konzerte des örtlichen Orchestervereins, bei dem sie und Hermann ebenfalls fördernde Mitglieder sind. Man muss sich doch sehen lassen. Hermann fehlt da allerdings meistens, weil man als Chefarzt mit graumelierten Schläfen öfter Bereitschaftsdienst anderer Art wahrzunehmen hat. Was nichts an der Tatsache ändert, dass er ein örtlicher Kulturträger ist.
Die Konzerte des örtlichen Orchestervereins pflegen eine andere kulturelle Tradition als die Vernissagen des örtlichen Kunstvereins. Hier steht man nicht mit Fingerfood und Prosecco in den Händen herum, hier sitzt man mit dem Handtäschchen auf dem Schoß, hält das Programmheft in den Händen und trägt eine nachdenklichbedeutungsvolle Miene. Während der Zeit, die die Kunst vorne auf dem Podium dauert muss man den Mund halten. Nach dem Konzert trifft sich die kulturmäßig bessere Gesellschaft im „Ratskeller", der in manchen Städten auch „Bürgerstuben" oder so heißt. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kulturgemeinde.
Beim Konzert reserviert der Kulturdezernent für Brigitte immer den 3. Stuhl rechts vom Bürgermeister in der ersten Reihe. Das macht auch statusmäßig sinnfällig, welche bedeutsame Rolle eine Chefarztgattin mit angeschlossener Edelboutique, die auch 2. Vorsitzende im Kulturbeirat der Gemeinde ist, im Kulturleben der Kleinstadt spielt.
Bei den Konzerten tragen die Gattinnen das sogenannte „Kleine Schwarze", für das Brigitte in ihrer Edelboutique für ihr Marktsegment mehrere Varianten mit verbreiterter Passform zum Kauf anbietet.
Für den Trachtenverein, die Schützenbruderschaft, den Förderverein des Heimatmuseums und 12 weitere derartige Institutionen entrichten Brigitte und ihr Chefarzt ihre Jahresbeiträge per Bankeinzug. Kulturelles Engagement bringt finanzielle Verpflichtungen mit sich. Auch Beitragszahler eignen sich zum Kulturträger.
Wie alle Märchen, die von der Wirklichkeit erzählen, endet auch das Märchen von Brigitte: „da sie noch nicht gestorben ist, lebt sie heute noch".
9:04 AM
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