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Leseprobe: Belle and Sebastian
Belle and Sebastian
Wenn aus der Welt alle Farben weichen, dann bleibt nur die nackte Realität.
Im Dunkeln tappen könne doch wahrlich besser sein, als wenn sich all das verdorbene Leben vor den Augen abzeichnet.
Es ist alles so greifbar, doch du zuckst zusammen. Du bist wie ein Schatten.
Das Leben pulsiert in deinen Venen und du hörst wie leise Stimmen das flüstern, was stets unausgesprochen bleibt.
Du lebst.
Und nur das zählt.
Stimmengewirr, lautes Rauschen und ein schrilles Geräusch zerrissen die Stille. Die Stimmen dieser Stadt bei Nacht.
Jemand singt ein Lied, er schreit es so wie alles schreit und ächzt. Die Welt quietscht in ihren Angeln. Helle Lichter kreisen umher, paaren sich mit einem grellen Schrei, etwas poltert und schlägt um sich. Ein lauter Knall, dann wieder die Stille.
Plötzlich ist es, als bewegten sich die Wände auf einen zu, immer näher, immer näher. Blaues Licht, es vibriert, beisst und zappelt.
Ein Mädchen ruft, es bettelt nach Hilfe. Ist sie denn auch so gefangen?
Sei doch alles dunkel, so sei doch alles still. Sie verstummt und ich bin doch nicht allein, denn ich höre sie durch die Wände atmen, sie alle, wie können sie so ruhig schlafen? Wie ich sie doch beneide.
Leises Stöhnen, das immer lauter wird. Die Wänden weinen, drücken mich ein. Ich stemme mich gegen die Bürden dieser Welt. Ich bin doch so schwach, selbst zu fliehen ist es zu spät, ich höre wie mein Herz pocht und meine Venen pulsieren. Es lässt mich spüren das hier ein Feuer brennt das ich nicht löschen kann, noch nicht.
Wir warten immer auf mehr.
Das Licht verebbt, die Stille kehrt endlich ein. Der Atem wird ruhiger und ich versinke in diesem weichen, warmen Grund.
Als ich an diesem Morgen erwachte war es, als hätte die Welt endlich damit aufgehört sich zu drehen. Ich hörte Vögel zwitschern, statt des ewig lauten Verkehrs auf den Straßen.
Es war mir, als sängen sie eine zarte Melodie, die ein neues Leben einleiten konnten, doch dann durchdrang das Geräusch quietschender Reifen meine erträume Idylle.
Es war kein guter Tag um aufzustehen und am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen. Das hielt ich sowieso für einen großen Trugschluss der Gelehrten dieser Welt, die das Leben immer als großes Miteinander verstanden sehen wollten.
Ich wollte kein Miteinander, denn der Mensch ist doch Egoist und hinter jedem Schritt, den sie tun, steckt ein unausgesprochener Gedanke.
Ich zog die Bettdecke über meinen Kopf und kam erst langsam zu mir. Ich war völlig ohne Ahnung welcher Tag heute war und was ich am Vortag getan hatte. Es herrschte eine absolute Leere in mir und ich versuchte irgendwelche Bilder heraufzubeschwören, um diese Leere in mir zu füllen. Doch es gelang mir nicht.
Aber ich musste in diesem Moment auch zugeben, dass mir dieses Gefühl der Leere gefiel. So frei von Gefühlen, die anderen Menschen wie eine unerträgliche Last erscheinen und sie jeden Tag aufs neue beschweren.
Schuld und Reue, niemand war frei davon, schon gar nicht ich selbst, doch ich verschloss all diese Gefühle irgendwo in mir. Nichts war schlimmer, als die Furcht um das, was die Menschen wohl die Konsequenz des eigenen Handels nennen.
Aber so geht jeder seinen Weg und vergräbt Leiche um Leiche und so war Ich schließlich auch nur ein Egoist und wahrscheinlich der größte von allen.
Deswegen hielt ich mich oft einfach nur von allen Menschen fern, weil ich ihr Handeln nicht verstand oder doch gerade in ihren Augen lesen konnte was sie denken, fühlen aber nie sagen, weil sie wissen, dass allein ein Wort töten kann.
Ich fühlte mich besonders heute sehr unwohl, konnte meine körperliche Verfassung allerdings kaum begreifen. Das Gefühl kehrte erst langsam in meinen Körper zurück und ich spürte eine unangenehme Wärme. Meine Finger schmerzten.
Langsam und mit großer Anstrengung erhob ich mich und starrte in das Halbdunkel. Ich war schweißgebadet, hatte vielleicht schlecht geträumt. Mein Blick war nicht klar, denn alles schien verzerrt und dem entfremdet was ich kannte.
Ich versuchte meine Beine auf den Boden zu setzen, doch ich spürte sie kaum. Nervös rieb ich meine Finger aneinander und spürte, dass sie klebrig waren. Erlebte ich etwa einen Rausch der noch nicht verebbt war und der mich den Verstand verlieren ließ?
Zögerlich betrachtete ich meine Hände. Die Fingerspitzen waren blutig und verkrustet, die Fingernägel zersplittert, doch ich hatte keinerlei Erinnerung an das was geschehen war. Meine rechte Hand wies eine großflächige Schürfwunde auf.
Ich nahm all meine Kraft zusammen und presste die Augen so sehr zusammen das kleine Sterne vor mir blitzten und tanzten. Als ich die Augen wieder öffnete, war mein Blick etwas klarer, doch das Gefühl der total Orientierungslosigkeit nahm zu. Das Zimmer war völlig verwüstet und die gegenüberliegenden, weiße Wand war besprenkelt mit Blutschlieren und Kratzspuren, als hätte jemand um sein Leben gekämpft.
Ich konnte mich an nichts erinnern.
In den nächsten sechs Tagen verließ ich das Haus nicht und schottete mich von der Aussenwelt ab. Ich wollte kein Tageslicht sehen, denn ich glaubte es nicht ertragen zu können. Viel zu grell, dabei war es doch Herbst und die Hochhäuser ließen ohnehin nicht viel Licht in die kargen Straßen und Wohnungen fallen.
Ich erschuf mir dennoch mein eigenes Exil und wandelte die meiste Zeit im dunkeln durch den Raum und versuchte die wirren Gedanken zu vertreiben die meinen Geist vernebelten. Unruhig kauerte ich am Boden und schaukelte meinen Körper hin und her.
Immer wieder hörte ich Stimmen und Schritte, mal nah und dann wieder unglaublich fern. Manchmal glaube ich sogar jemand befände sich genau in diesem Raum.
Die Wahnvorstellungen gingen so weit das ich zeitweise mit einer Gardinenstange durch die Wohnung lief, um mich schlug und dabei die halbe Einrichtung zerlegte. Dann gab es wieder Phasen in denen ich wimmernd auf dem Boden lag und mir krampfhaft die Ohren zuhielt, weil ich Schreie hörte.
Ich verstand nicht einmal was mit mir geschah, tat keinen Schritt in vollem Bewusstsein, war der Ohnmacht näher als allem anderen und vertraute blind meiner Intuition. Einmal hörte ich ein schrilles Geräusch, das sich in unregelmäßigen Zeitabständen wiederholte. Dann pochte es ganz laut. Ich versteckte mich unter einem Tisch.
Am vierten Tage fand ich mich unter der Dusche wieder. Eiskaltes Wasser rann über mein Gesicht und ich spürte wie die Kälte in meine Glieder fuhr.
Als ich später wieder Gepolter und Schreie hörte wusste ich, dass es sich nur um Herr Kohlmeister und seine thailändische Frau handelte, die er alle zwei Tage verprügelte. Alle in diesem Hause wussten um das Schicksal der Frau, doch es bekümmerte niemanden.
Nur ein Schicksal unter vielen, mehr nicht.
Nachdem ich zwar immer noch keine Ahnung hatte was in mich gefahren war, aber wenigstens die Schleier in meinem Kopf sich langsam lichteten, machte ich etwas Licht in meiner Wohnung und begutachtete den entstandenen Schaden, der mich letztendlich kaum kümmerte, da meine Einrichtung ohnehin nur aus lieblos zusammengestellten Kram bestand. Auf dem Weg zur Dusche stolperte ich über mein Shirt, dass großflächige Blutflecken aufwies und erschrack regelrecht, da ich ahnte, nein wusste, dass es nicht mein Blut war. Doch wessen Blut war es dann?
Im Badezimmer angelangt musste ich dann noch zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich den großen Wandspiegel eingeschlagen hatte, was zumindest die Schürfwunde an meiner Hand erklären konnte.
Einige eingetrocknete Tropfen Blut waren auf dem weißen Waschbecken verteilt. Ich wusste aber wirklich nicht wann ich das getan haben sollte.
Das erste mal seit Tagen warf ich auch wieder einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es vier Uhr am Morgen war. Mein Verstand sagte mir es wäre sinnvoll die Fenster zu öffnen, kurz auf den Balkon zu treten und frische Luft einzuatmen, da die Welt noch sanft schlief, doch etwas, dieses unbestimmte Gefühl in mir, hielt mich davon ab.
Ein anderes Gefühl das sich rasch und lautstark bemerkbar machte war der Hunger, nachdem ich nun eine halbe Ewigkeit nichts gegessen hatte.
Das einzige Problem war der nur spärlich ausgerüstete Kühlschrank, aus dessen Inhalt sich definitiv kein Festmahl zubereiten ließ.
Ich fand saure Milch, verschrumpelte Würstchen, seit zwei Tagen abgelaufenen Dosenfisch und bereits hart gewordenes Brot.
Es war zum verzweifeln und irgendwie sinnbildlich für mein Leben.
Im Prinzip hatte ich seit Jahren nichts mehr zu verlieren. Ich arbeitete als freier Journalist der nur dank eines guten Freund, der mehr oder weniger an einer hervorragenden Quelle sitzt, ab und an einen Job bekam. Aber mir stand eigentlich auch nie wirklich der Sinn nach Arbeit. Meine Artikel waren immer uninspiriert oder schlecht recherchiert und im besten Falle beides gleichzeitig, was sich auch herumgesprochen hatte. Mal etwas gutes für meinen Ruf zu tun hatte ich bisher, naja, sagen wir versäumt.
Der Beruf eines Journalisten bedeutete zudem meistens auch den Kontakt mit Menschen zu suchen. Etwas das ich völlig verlernte hatte und wie die Pest hasste, da ich Menschen mied wenn es möglich war. Vielleicht war auch das der Grund dafür, dass ich nur selten oder nur Nachts das Haus verließ.
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Aber in dieser Gegend der Stadt kümmerte sich eh niemand um den anderen. Ich lebte in einer der vielen Plattenbauten, völlig marode und heruntergekommen, rechnete man jeden Tag damit,dass die Baubehörde mit der Abrissbirne drohte. Warum ich mir dieses Leben hier überhaupt antat, konnte ich mir allein damit erklären, dass ich keine großen Ansprüche an das Leben stellte und mich lieber vor dem Leben da draußen verstecke, als es in Saus und Braus zu leben.
Der Plattenbau hatte wenigstens den Vorteil, dass man hier tatsächlich relativ anonym lebte. Die Leute zogen ein und aus und man konnte nur erahnen, mit wem man dort Wand an Wand wohnte. In meinen Fall war es besagter Kohlmeister, ein grauenhafter Kerl.
Jeden Morgen zwischen vier und sechs Uhr konnte ich lautes Stöhnen vernehmen, wenn er über seine Frau herfiel. Er klang meistens wie ein kollabierender Ochse in Atemnot und von ihr war meistens nur ein leises Wimmern zu vernehmen wenn er fertig war. Ich wusste nicht viel über die beiden, aber ich ahnte das er ihr verboten hatte das Haus zu verlassen.
Herr Kohlmeister gehörte zur Gattung Mensch, der versuchte sein Leben in der tristen Mittelständigkeit zu verbergen. Er besaß einen dicken BMW, trug ein Goldkettchen und ließ es sich sogar bei übelsten Regenwetter nicht nehmen mit seiner Sonnenbrille das Haus zu verlassen.
Dabei wurde der BMW nur zu Prestigezwecken auf den Hof gefahren und fleißig geputzt. Zur Arbeit ließ sich der Möbelpacker von seinen Kollegen ganze zwei Straßen von hier abholen.
Über mir wohnte seit neusten ein äußerst schweigsamer Mann um die Dreißig. Er war mir sympathisch, weil er die Menschen genauso zu ignorieren schien wie ich auch.
Anfangs musste ich mich dran gewöhnen nun stetig seine markanten Schritte zu hören, wenn er durch die Wohnung tigerte, denn er hatte ein lahmes Bein das über den Boden schleifte.
Unter mir wohnte der Hausdrachen schlechthin. Eine gewisse Frau Bieder, die alles und jeden in ein Gespräch verwickeln wollte, um wiederum über alles und jeden zu lästern oder Schuldzuweisungen verteilte. Sie schrieb ständig Beschwerde- und Leserbriefe an die Zeitungen oder beschwerte sich beim Vermieter über andere Bewohner oder die Zustände des Hauses. Das einzige was sie bisher erreicht war der Anstrich des Hausflures.
Und verdammt ich hasste beige!
Ich entschied mich für das Brot und die Würstchen und trank dazu etwas abgestandenes Mineralwasser. Mein Leben hatte schon andere Tiefpunkte gesehen.
Ich legte mich wieder ins Bett und lauschte der Stille. Wieder hörte ich das Zwitschern der Vögel und genoss es regelrecht. Woher es auf einmal kam blieb mir ein angenehmes Rätsel.
Um Punkt sechs Uhr klingelte Kohlmeisters Wecker und er machte sich wieder über seine Frau her. Er schrie sie an sie solle lauter sein und glücklicherweise besaß er diesbezüglich kaum Kondition.
Als ich dann wieder erwachte war vermutlich noch ein ganzer Tag vergangen. Es war als hätte mein Körper mir eine Auszeit verschrieben um wieder zu Kraft zu kommen.
Es war mir recht.
Als ich dann später erwachte hörte ich Schritte aus der Wohnung über mir, aber es waren die Schritte von zwei Personen. Vielleicht hatte der werte Herr ja eine Freundin gefunden, dachte ich und schwang mich aus den Bett.
Physisch wie Psychisch ging es mir heute ausgezeichnet, doch der Hunger war immer noch da und ich war gezwungen das Haus zu verlassen um meine Vorräte aufzustocken. Ich kochte mir einen starken Kaffee und holte die Post aus meinem Postkasten. Ich interessierte mich zwar nicht wirklich für die Briefe, aber den Postkasten nach einer Woche zu leeren war besser, als Frau Bieder sturmklingelnd und klopfend vor der Tür stehen zu haben, weil sie der Meinung war das ein überquellender Postkasten auf Asoziale hinweise. Man müsse das ja nicht so raushängen lassen.
Ich schnappte mir eine der älteren Zeitungen und stellte fest, dass sie von dem Tag war an dem ich mit den blutigen Händen erwacht war. Der Gedanke daran ließ mich an die Wand schauen und ich fragte mich ob man die Blutspuren nicht als Tapetenmuster ausgeben konnte.
Ich blätterte zügig durch, nippte an meinem Kaffee und studierte zumeist auch nur die Überschriften. Mein Auge fiel im Lokalteil auf eine Zeile, in welcher der Name der Straße in der ich wohnte erwähnt wurde.
„Eifersuchtsdrama auf offener Straße". Eine miese Headline, aber ich hatte nichtsdestotrotz in der Nacht wohl nicht viel davon mitbekommen. Dort stand ein Mann habe im stark alkoholisierten Zustand eine Kneipe verlassen und sei lauthals singend durch die Straßen gezogen. Kurz zuvor war er bereits mit einem Mann aneinander geraten der behauptet hatte eine Affäre mit seiner Frau zu haben. Eben dieser hatte ihn später von der Straße gefegt. Der Mann erlag im Krankenhaus seinen inneren Verletzungen.
Es war eine Kombination der typischen Verhaltensweisen der Menschen. Konfrontation, Provokation, Alkohol in Verbindung mit Neid, Eifersucht und verletztem Stolz.
Welch eine Befriedigung muss es für den Mann gewesen sein als er seinen Nebenbuhler einfach aus seinem Leben gefegt, ja regelrecht zermalmt hatte. Welch Wahnsinn hat wohl in diesem Moment in seinen Augen gelegen und wann begann er zu begreifen was er getan hatte?
Der Mensch ist nicht immer für seine Weitsichtigkeit bekannt. Wir leben doch alle von einem in den anderen Tag.
Das ist auch der Grund warum eigentlich nichts in dem System wirklich funktionierte.
Ich schlug die nächste Seite im Lokalteil auf und nahm einen großen Schluck Kaffee. Auf der Hälfte der Seite war ein Foto von einem Mädchen. Darunter die Unterschrift: Die kleine Lena ist seit dem 10.10.2007 spurlos verschwunden. Eltern bitten Mitbürger um Hilfe. Wer hat Lena zuletzt gesehen?
Noch ein Beweis für die Schlechtigkeit des Lebens da draußen, dachte ich verbittert. Ich hatte früher selbst einige Artikel über misshandelten oder verschleppte Kinder geschrieben und wusste genau wie sehr die Betroffenen und alle Angehörigen litten.
Verschrecken lassen durfte ich mich dennoch nicht, denn Hunger würde mich eh früher oder später nach draußen treiben, also schleppte ich mich ins Bad um mich frisch zu machen.
Dort begegnete ich mir selbst in dem von mir eingeschlagenem Spiegel. Mein blasses, irgendwie um Jahre gealtertes Gesicht zeichnete sich im gesprungenem Glas ab und ein Bart wollte mir immer noch nicht so recht stehen. Das schlimmste aber waren meine blutunterlaufenen, aufgequollenen Augen.
Sollten die Augen wirklich das Fenster zu jeder Menschen Seele sein, so war mein Fenster trüb und der Raum dahinter leer. Niemand sollte hineinsehen und wenn es jemand tat würde er nichts finden, es sei denn er klopfte die Wände nach Hohlräumen ab, in denen ich versuchte die Dinge zu verstecken, die ich nicht abschütteln oder einfach ausräumen konnte.
Ich duschte also und wollte mich rasieren, doch die Klinge wog so schwer in meiner Hand das ich sie sofort wieder weglegte. Ich blieb besser unrasiert.
Erst nach der Dusche begriff ich wieder, was es bedeutete wach zu sein und schüttelte auch die letzte Trägheit ab. Es war Zeit sich mal wieder ins Leben zu wagen und sich der Dinge anzunehmen die unausweichlich waren. Einkaufen, Telefonate mit Ingo und der Zeitungsredaktion und überhaupt wieder etwas Leben in mich aufsaugen. Es war vielleicht das beste Mittel um mich wieder hinzukriegen und mir selbst zu beweisen das, dass Chaos da draußen durchaus etwas charmantes an sich haben konnte.
Regelrecht euphorisch öffnete ich die Fensterläden, ließ Licht in mein kleines Exil und trat ins Freie. Der Lärm, den die Stadt produzierte schlug mir ohne erbarmen entgegen und hätte mich beinahe wieder zurück in die Dunkelheit getrieben, wäre da nicht dieses ungewohnte Geräusch gewesen. Ganz nah.
Ich trat vollends auf den Balkon hinaus und hörte ein lautes, protestierendes piepsen. Es war ein kleiner Vogel, der auf dem kalten Beton herumzappelte und ängstlich in die nächste Ecke torkelte.
Wo das kleine wohl herkam?
Ich erinnerte mich an den Vogelgesang den man ab und an hören konnte. Vielleicht nistete ein Vogel auf dem Dach des Hauses und das Kleine hatte sich aus dem Staub gemacht oder war aus dem Nest geworfen worden?
Aber was interessierte es mich schon. Wenn das Schicksal es wollte würde der kleine irgendwie überleben. Ich hielt es nicht für sinnvoll einfach in die Natur einzugreifen.
Ich ging wieder ins Haus und machte mich fertig, um meinem größten Feind entgegenzutreten.
Ich öffnete die Wohnungstür und lauschte in das Treppenhaus. Niemand da, zum Glück.
Doch ich hatte mich zu früh gefreut.
Kaum war ich aus der Haustür heraus, hörte ich Frau Bieders schrille Stimme. Sie, wie immer mit ihrem Großpudel Paul an ihrer Seite, hatte die Arme auf die Hüften gestützt und stand neben dem schweigsamen Mann, der über mir wohnte und der an den Klingeln herum- schabte.
<< Herr Schröder, können sie dem Herren bitte sagen das er nicht einfach sein Namensschild von der Klingel und dem Postkasten entfernen kann.<< Paul bellte Zustimmung.
Ich zuckte nur die Schultern und ging an den beiden vorbei. Wenn der Mann sich nunmal wünschte völlig in Ruhe gelassen zu werden, dann hatte er auch alles Recht dazu seinen Namen von der Klingel zu kratzen.
Was kümmerte es den alten Drachen eigentlich?
Aber merkwürdig war der Mann schon. Ich konnte mir richtig vorstellen wie er seelenruhig und feinsäuberlich den Namen von seiner Klingel entfernte und Frau Bieder pausenlos auf ihn einschimpfte, ohne das er sie nur einmal ansah.
Ich schmunzelte und schlenderte gedankenverloren durch die Straßen in Richtung Innenstadt. Mein Ziel war der hiesige Supermarkt, der zur frühen Morgenstunde hoffentlich noch nicht so gut besucht war.
Ich bepackte meinen Einkaufswagen mit reichlich Dosenkrams und koffeinhaltige Getränken, hoffte das mein Geld ausreichen würde und musste mich zu allem Übel auch noch in eine kleine Warteschlange an der Kasse anstellen.
Die Teilnehmer: Ein alter Knabe, den ich spontan Opa Hermann taufte, eine Frau die roch als hätte sie in Parfum gebadet und nur Bioprodukte aufs Fließband legte, sowie ein weiterer älterer Herr, der nur Alkohol und Tabak im Wagen hatte und derart stark nach selbigem stank, dass Frau Bio ihre vermutlich zwei mal geliftete Nase rümpfte. Dann erst kam ich und hinter mir stellte sich eine weitere Dame an, die mich plötzlich an der Schulter fasste.
<< Entschuldigen sie bitte, sagen sie bitte könnte sie mich vorlassen. Ich hab nur zwei Teile und hätte es sehr eilig!<<
Breit grinsend hielt sie eine verkrüppelte Gurke und eine Packung Quark unter die Nase.
Nur mit viel Willen bewahrte ich Ruhe und verkniff mir einen spitzen Kommentar.
<< Nein tut mir leid ich habe es auch sehr eilig.<<, antwortete ich knapp.
Die Frau sah mich mit einer Mischung aus Überraschen und Entsetzen an, hielt aber auch ihrerseits einen garstigen Kommentar zurück. Das letzte was ich jetzt gebrauchen konnte war eine Gesellschaftswissenschaftliche Diskussion mit einer von der Midlife-Crisis geschüttelten Frau u zu führen, die es kaum abwarten konnte sich ihre Gurkenmaske ins Gesicht zu klatschen.
<< Ach Anneliese!<<, schrie sie mir plötzlich direkt ins Ohr und winkte wie bescheuert zu Frau Bio herüber.
<< Margarete!<<; schrie die zurück, sodass es nun wirklich der ganze Laden gehört haben musste.
<< Was machst du denn hier!?<<
Naja, wie wäre es mit einkaufen?!
Zwischen den beiden entstand ein reger Dialog, in unbändiger Lautstärke und über die Köpfe von zwei Personen hinweg, von denen einer leider mir gehörte.
Opa Hermann erfuhr derweil wieviel er eigentlich zu bezahlen hatte und öffnete zielstrebig seinen, jawohl, Klischee, Kleingeldbeutel und begann mit zittrigen Händen die Kleingeldstücken um sich zu werfen, fragte mindestens dreimal nach, wie viel doch gleich zu zahlen sei und legte am Ende doch zu viel hin.
<< Und mein Björn kriegt ja auch einfach keinen Job, es ist ganz schlimm geworden. Du wirst ja nur ausgenutzt heut zu Tage. Such du mal eine Festanstellung!<<, schimpfte Gurken Margarete und Frau Bio nickte sich in Rage.
Die Lage an der Front drohte sich auch nicht zu verbessern, denn Opa Hermann schaffte es nicht allein das Kleingeld, das er zu viel auf das Fließband gelegt hatte wieder einzusammeln. Auch wenn ihr Name Christiane Krise war, half die Kassiererin dem alten Herren ruhig und routiniert und nahm sich sogar Zeit um mir zu zuzwinkern.
Die Schlange wurde immer länger und hinter Gurken Margarete stand ein Mann, der es tatsächlich schaffte in seinem Einkaufswagen fünf Kästen Bier aufeinander zu stapeln! Möge die Kiste Krombacher Annelise doch einfach erschlagen, dachte ich verzweifelt, doch die beiden sprangen lustig schnatternd von Thema zu Thema und bereiteten ihr Privatleben aus.
<< Das sind die Negers und Kanacken die dem Staat auf der Tasche hängen. Alles was nicht arbeitet... Raus!<<, lallte der Alkohol Opa, den ich jetzt wohl besser in Nazi-Heinz umbenannte. Auslöser für seine plötzliche Intervention war, dass ausgerechnet ein Türke dem lieben Björn den Ausbildungsplatz vor der Nase weggeschnappt hatte.
Das Gespräch verstummte abrupt und die Aussage blieb unbeantwortet im Raum stehen. Dieses Thema war auf der einen Seite eigentlich wie ein rotes Tuch für den gesitteten Bürger von heute, doch andererseits fragte ich mich wie groß der Anteil der Bewohner dieser Stadt sein mochte, die genau das immer wieder insgeheim dachte, aber nie in dieser härte ausformulierte. Was wäre wohl wenn dieses stolze Land nicht eine gewisse, tonnenschwere historische Schuld auf sich geladen hätte? Was bliebe dann von dieser Schein-Tolleranz?
Opa Hermann zog nebenbei bemerkt endlich von dannen und Bio Margarete rief Gurken Annelise zu; sie könne ihre Artikel doch rasch zu ihren Waren legen, damit sie schneller fertig sei.
Gesagt getan marschierten auch die beiden zügig aus dem Laden, während ich hinter Nazi-Opa verzweifelte. Der Mann war so voll, dass er der Kassiererin nicht einmal sagen konnte, wieviele Kisten Bier er sich aufgeladen hatte. Es stellte für mich ein absolutes Wunder dar, das wenigstens die Bezahlung ohne weitere Hürden passierte.
Dann endlich konnte auch ich diesen Laden verlassen und sah schon vom Eingang aus eine riesige Menschentraube, die sich auf der Straße gebildet hatte. Nicht wirklich interessiert ging ich meines Weges und betrachtete die Gruppe von Gaffern, unter denen natürlich auch Margarete und Annelise standen und sich gegenseitig Dinge ins Ohr flüsterten. Auf der Straße stand noch ein Wagen mit laufendem Motor und ein verbeultes Fahrrad.
Ein junger Mann bahnte sich seinen Weg durch die Menge und schrie er sei Arzt. Für einen kurzen Moment konnte ich die Szene sehen. Ein Mann lag blutüberströmt auf der Straße und schien nicht mehr Bewusstsein zu sein. Es war Opa Hermann.
Eine völlig aufgelöste, junge Frau kniete neben ihm und hielt sich die Hände vor den Mund.
Mindestens zwanzig Leute meinten sich an diesem Bild ergötzen zu wollen, doch kein einziger half, bis auf diesen Mann der routinierte Puls und Atem des Mannes zu prüfen.
Ich hielt mich wie immer auf Distanz. Auch ich war niemand der in diesen Situationen eine helfende Hand war, aber ich wollte diesen Weg konsequent gehen. Ich sah die Schlagzeile schon wieder vor mir: „Unfalldrama auf offener Straße!", dazu ein Foto mit Gurken Annelise und Bio Margarete im Hintergrund. Man brauchte nur den Fernseher einschalten um zu sehen, wie massentauglich das Leid anderer sein konnte. Wie spannend und unterhaltsam, ein jedes einzelne Schicksal.
Ich war nun auf gleicher Höhe mit der Menschentraube, die sich wieder geschlossen hatte und um noch ein paar Schaulustige angewachsen waren. Doch etwas ganz anderes trat plötzlich in mein Leben.
Nahezu parallel zu mir lief eine junge Frau auf der anderen Seite der Straße und würdigte dem Geschehen ebenfalls keines Blickes. Sie lief mit scheinbar starrem Blick einfach so an Hektik, Panik und allem anderen was diese Szene aus dem Leben in sich barg, vorbei und wirkte so fern ab von ihrer ganzen Umwelt, dass ich mich sofort in ihren Bann gezogen fühlte.
Ich versuchte ihren Blick einzufangen, doch es wollte mir nicht gelingen. Sie hatte etwas faszinierendes und zugleich so unnahbares an sich, dass ich ihr wie von Geisterhand geführt in die S-Bahn folgte. Sie schien sich um keinen der Menschen um sich herum zu scheren und setzte sich allein in die letzte Reihe. Sie hörte Musik, schloss immer wieder die Augen und schien in ihren Gedanken in eine weit entfernte Welt eingetaucht.
Noch nie zuvor hatte ich so wunderschöne Augen gesehen, die zugleich Verletzlichkeit wie auch Stolz in sich trugen. Sie schien mir wie ein Mensch der genauso verloren war wie ich aber seinen Weg bisweilen gefunden hatte. Sinnlich strich sie sich eine Strähne ihres langen, dunklen Haares aus dem Gesicht und mir war es als wollte sie ein Zeichen senden, dass auch ich nichts in ihrer kleinen Welt verloren hatte.
Ich hätte ohnehin nicht den Mut gehabt sie anzusprechen oder ihr näher zu kommen. Ich war niemand, der für eine Beziehung oder ähnliches geeignet war. Immer wieder durfte ich mir am Ende anhören, dass ich nicht Fähig wäre Gefühle zu zeigen und das man mit mir nun mal nicht bis ans Lebens Ende planen könnte.
Je eine funktionierende Beziehung aufzubauen, hatte ich schon lange abgeschrieben und erklärte es mir mit einer gewissen zerstörerischen Tendenz in mir, die von Anfang an da war, gewachsen ist wie ein Geschwür und sich in meinem Unterbewusstsein verfangen hatte, um dort jeden schönen Moment in meinem Leben in die Hölle zu verwandeln.
Durch eine ruckartige Bewegung der Bahn wurde ich aus meiner Trance gerissen und fand mich in einer mehr als peinlichen Lage wieder.
Ich war ihr in die S-Bahn gefolgt und war stumpf im Eingangsbereich stehengeblieben, von wo aus ich sie die ganze Zeit angeglotzt hatte.
Ich, ein völlig heruntergekommener Kerl mit offenem Mund und zwei vollgepackten Plastiktüten. Es war erbärmlich.
Sie machte zwar nicht den Anschein, als hätte sie es bemerkt, doch ich zog es vor die S-Bahn an der nächsten Haltestelle zu verlassen. Ich musste sie aus dem Kopf kriegen, denn alle die ich liebte, ließ ich auch leiden.
Und dieses Geschöpf sollte nicht leiden.
Mit diesem Vorsatz im Hinterkopf marschierte ich ans Ufer der Weser und setzte mich auf eine Bank. Wenn man die Augen schloss und sich konzentrierte konnte man sich einbilden, dass der seichte Wellengang den ganzen anderen Lärm, den die Stadt produzierte, übertönte.
Ich musste an Maja, meine Exfreundin denken.
Ich hatte sie abgöttisch geliebt, aber ich war einfach nicht in der Lage gewesen es ihr zu zeigen. Statt dessen sagte ich verletzende Dinge, ohne es zu wollen, oder mich später daran erinnern zu können, oder ich ignorierte sie und gab ihr das Gefühl keine wesentliche Rolle in meinem Leben zu spielen. Sie kämpfte lange, verzweifelte, ließ viel Kraft und verlor an manchen Tagen sogar den Glauben an das Gute im Menschen. Das Gute in mir...
Wieso ich all das tat konnte ich nicht sagen.
Ich konnte mich nur immer wieder entschuldigen und fühlte mich so hilflos. Manche Dingen brachen einfach so aus mir heraus, wie ein Sturm den man gebändigt hatte, gefangen hielt, fütterte und immer größer werden ließ bis er des Herren übermächtig wurde und die Ketten sprengte um erbarmungsloses zu verrichten.
Was hatte ich in der Nacht vor sechs Tagen nur getan? Hatte sich das etwas in mir sich meiner bemächtigt und war diesesmal viel weiter gegangen als all die Male zuvor. Warum hatte ich diese Blutflecken auf meinem Shirt?
Ich musste mich auf die Suche nach Antworten machen, bevor die ganze Welt über mir einstürzte.
Wie ich da so am Ufer saß und krampfhaft versuche zu rekonstruieren, was ich an dem Abend vor sechs Tagen gemacht hatte, bemerkte ich wie schlecht mein Zeitgefühl geworden war. Ich konnte nicht einmal annähernd bestimmen, ob ich erst wenige Minuten oder schon einige Stunden hier saß.
Einmal erschien es mir, als eilte das Leben wahnsinnig schnell an mir vorbei und kurze Zeit später war es so, als schleppten sich die Menschen unerträglich langsam durch die Stadt, um dem nachzugehen was sie Alltag nennen.
Mir war es völlig egal was die Leute von mir dachten und ob sie mich nun für einen Penner hielten, der seine letzten Habseligkeiten in zwei Tüten mit sich rumschleppte oder einfach nur für Ingos guten Freund, der ihm auf dem Heimweg vom Einkaufen einen Besuch abstatten will, aber ich schadete Ingos Ruf ohnehin schon genug.
Ich galt als schwieriger Charakter mit geringen Talent und trotzdem gab mir Ingo eine Chance. Je mehr Angriffsfläche ich ihnen bot, umso mehr geriet Ingo in die Kritik, dabei wollte er mir nur auf die Beine helfen.
Das ich dann immer weiter das Bild eines abgebrannten Idioten abgab, der einfach zu unfähig für dieses Leben war, hatte ich mir in diesem Fall dann verboten.
Es war die typische Existenzangst die mich dazu verleitete meine Prinzipien zu verraten.
Ingo war der einzige durch den ich derzeit Geld verdienen konnte und er war gutmütig genug mir auch immer wieder aus finanziellen Engpässen herauszuhelfen. Es war beinahe so, als lebte ich von ihm und er irgendwie von mir.
Gäbe es den Faktor Geld nicht, da war ich mir sicher, hätte ich rein gar nichts mehr mit Ingo zu tun. Er war ein alter Schulfreund und man hatte jahrelang die selbe Leidenschaft, das Schreiben, geteilt. Während Ingo auf immer höhere Äste stieg fiel ich wie ein fauler Apfel ganz tief und wartete nur noch auf den endgültigen Aufschlag.
Oder verrottete ich bereits, zertreten und zersetzt irgendwo da, weit unter all denen die ich einmal wirklich hatte übertreffen wollen?
Ingo war jedenfalls der typische Erfolgsmensch geworden. Mit Haus, Kind und Kegel, hatte er keine Schulden, einen geordneten Alltag, war Mitglied in zwei Vereinen und beherrschte die hohe Kunst der Diplomatie.
Er war es gewesen, der mich immer und immer wieder aufgerichtet hatte, egal in welchen tiefen Loch ich saß und mich dem Leben verweigert habe. Ich hatte mich immer auf ihn verlassen können.
Seine Art die Leute von sich zu überzeugen war wunderbar, ja geradezu eine Gabe, bedachte man das der Kerl aussah wie dicker Maulwurf, den man tagtäglich in einen viel zu engen Anzug steckte. Immer wieder steckte mich dieser kleine, bebrillte Kerl mit seiner Motivation an und ließ mich doch einen guten Artikel schreiben, der mich wenigstens etwas im Rennen hielt. Ich verdankte ihm also sehr viel, wenn nicht sogar mein Leben.
Das einzige was ich ihm dagegen geben konnte, war meine ungestüme Art das Leben anzugehen. Irgendwie konzept- und planlos eben und so fern ab vom typischen Denken. Ab und an gingen wir gemeinsam einen Trinken und er genoss es so etwas wie Freiheit zu fühlen und immer wieder zu sehen das, dass Leben auch ganz anders funktionieren konnte. Es waren zwei Welten die nicht viel miteinander gemein hatten, sich aber trotzdem trafen und mit den jeweiligen Ideen anfixten, damit der Kosmos sich doch noch erweitern konnte, zumindest für einen kurzen Augenblick, bevor die Eintönigkeit einen tötete.
Ich marschierte also doch wieder heimwärts, genoss den Kaffee und fragte mich was wohl mit dem Vogel passiert war. Mir war mittlerweile klar geworden, dass es nicht klug von mir gewesen war mich darauf zu verlassen, dass der kleine Vogel von selbst wieder auf die Beine kam und einfach davon fliegt. Es war wahrscheinlicher , dass er wegen mir nun verhungert oder erfroren war.
Im Treppenhaus blieb mir zunächst einmal wieder eine Begegnung mit Frau Bieder und Pudel Paul nicht erspart. Mit Lockenwickler im Haar, pinkem Abendmantel und rosa Schlappen stand sie vor den Briefkästen und dokumentiere anhand einer Strichliste, wie lange die Bewohner ihre Post nicht aus dem Briefkasten holten.
<< Finden sie nicht auch das die großen Müllcontainer Schlösser bräuchten? Und eine Dachluke ist auch schon wieder kaputt. Andauernd regnet es rein.<<
Ich zuckte nur mit den Achseln und probierte irgendwie an ihr vorbeizukommen. Es war als hätte sie statt eines Hirn einen verdammte Beschwerdekatalog, dem sie jedem präsentieren musste.
<< Wir müssen wieder einmal eine Sammelbeschwerde einreichen. Sonst passiert doch hier nichts!<<
Wütend starrte ich die beigen Wände an und schüttelte nur den Kopf, schob sie unsanft beiseite und versuchte möglichst viele Stufen auf einmal zu nehmen. Paul bellte nur böse.
<< Ach Herr Schröder!<<, rief sie mir hinterher, <
Ich ignorierte sie und beschleunigte meinen Schritt, erreichte die Haustür und brachte mich in Sicherheit. Ich hörte wie sie mit ihren kurzen Beinen die Treppe hochtappelte und vor meiner Tür stehen blieb. Es dauerte dann etwa eine Minute als sie dann einen Zettel unter meiner Tür hindurch schob.
<< Hier Herr Schröder, damit es beim nächsten Mal endlich besser klappt!<<, rief sie von draußen.
Ungläubig nahm ich den Zettel an mich.
Es war ein Formular das sie hatte Drucken lassen. Es war unterteilt in Name, Art des Vergehens und Häufigkeit des Vergehens.
In meinem Fall handelte es sich um das Putzen des Flures, dass ich angeblich versäumt hatte.
Fakt war aber das Frau Bieder diesen Putzdienst, der jede der zwölf Parteien im Haus betraf, völlig eigenmächtig eingerichtet hatte, ebenso wie sie eigenmächtig die Termine für jeden festlegte. Zu diesem Zweck warf sie uns tatsächlich alle drei Monate einen gedruckten Plan in den Briefkasten.
Die Frau hatte einen kompletten Schaden.
Ich zerknüllte das Papier und warf es achtlos auf den Boden. Ich marschierte durch meine zertrümmerte Wohnung und sah sofort nach dem kleinen Vogel.
Er saß immer noch dort, piepste und schrie und zappelte scheinbar ums nackte Überleben.
Der kleine gefiel mir, denn er war ein verstoßener Kämpfer, der nicht gew |