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08/17/07
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Monday, June 09, 2008
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Holunderblüten
Als ich heute morgen eine halbe Stunde nach Weckerklingeln, und damit eindeutig noch immer 3 Stunden zu früh, in die Küche schlich um meinem Nachwuchs das Frühstück zu machen, klebten meine nackten Füße an der dritten Bodenfliese links von der Tür gesehen aus fest. Nun mag wer mich schon mal besucht hat denken, dies sei ein normaler Zustand meines Küchenfußbodens, aber ein unaufgeräumtes Interieur schließt nicht per se einen dreckigen Fußboden mit ein. Aber ich schweife ab. Der Grund meines klebrigen Bodens war Holunderblütensirup (selbstredend hab ich die zentimeterdicke Zuckerschicht mittlerweile auf Knien von den Fliesen geschrubbt), den einzukochen mich das ganze Wochenende gekostet hatte. Holunderblütensirup, von stillosen aber durchaus eingefleischten Kennern und Geniessern auch „Holublüsi" genannt, gehört zu den Vorzügen des Sommers, ist vielen Menschen ausgesprochen unbekannt und stillte schon den Durst manch eines Kindes der wechselnden Generationen meiner Familie. Für weniger romantische gibt es ihn auch bei Ikea in der Lebensmittelabteilung zu erstehen, nicht unweit des Regals mit der Fischfeinkost. Das Zubereiten dieses Sirups ist bei uns Ritual. Es beginnt in der Regel mit einem ausgedehnten Spaziergang bei dem die Blüten gepflückt werden um später 24 Stunden in heissem Zuckerwasser zu ziehen, aber dazu muss man sie eben nun mal pflücken. Samstag mittag. Des Fahrtwindes wegen nehmen wir die Räder und brechen auf. Nachdem meine Kinder dann endlich alle auf dem Klo gewesen waren, alle nochmal etwas getrunken hatten und wir zum zehnten Mal Oscar's linken Turnschuh um eine halbe Tonne Sand erleichtert hatten konnten wir also los. Ich gebe zu ich bin kein Gruppendynamiker. Ich bin auch kein Freund von Ausflügen, es sei denn ich mache sie alleine, aber was tut man nicht um des lieben Frieden- und Sirups wegen alles. Ich war ein wenig gereizt, der Umstände halber, und also trat ich fester in die Pedalen. Da meine Gangschaltung nur im zweiten Gang läuft reichte das gerade mal so aus um mit meinen Kindern mitzuhalten, aber über kurz oder lang entspann sich eine Art Wettrennen daraus zwischen Anton und mir- bis Anton's Kette raussprang- just in dem Moment als er triumphierend in den Pedalen stehend mit mir aufgeholt hatte. Was dann folgte war eine Mischung aus Slapstick und Matrix-Slomotion, die mit einem spektakulären Sturz und ohrenbetäubendem Gebrüll endete. „Mein Arm, mein Arm, er ist gebrochen, ich weiss es genau, huhuhu!" Für Aussenstehende mag dieser Augenblick bedrohlich gewirkt haben, das gebe ich zu. Aber ich kenne meinen Sohn, der genauso hysterisch ist wie ich es früher war, und ich erkenne die Anzeichen schwerer Verletzungen. Dies war keine solche. Ausserdem bin ich eine Rabenmutter. Nach diesem Sturz war ich also damit beschäftigt mein Kind zu erden und sorgenvolle Passanten zu verscheuchen, „Bitte gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen!"
Mein Exfreund beklagte sich einmal nicht genug Raum für Heldenhaftes Handeln von mir zu bekommen. Dies scheint ein tiefverwurzelter Drang der männlichen Spezies zu sein, denn als Anton sich beruhigt hatte und ich dabei war die Kette wieder einzufädeln, nahte schnaufend, mit nur wenigen Minuten Verspätung, der Held, der gekommen war die Situation zu retten. Mit Inbrunst riss er das Kinderfahrrad an sich und rief mir heldenhaft und ruhmreich zu „Kümmere Dich um Dein Kind, es braucht dich jetzt!" und zu Anton gewandt „Ist alles in Ordnung Kleiner? Brauchst Du einen Arzt?"
Mag es das mitschwingende Unheil, die Sorge und Verzweiflung in seiner Stimme oder aber nur das Reizwort "Arzt" gewesen sein, unweigerlich sprang die Sirene wieder an und ich erwiderte mit eingefrorenem Lächeln und emanzipatorischem Stolz „Herzlichen Dank, ich schaff das schon!" was eine Lüge war, denn ich hatte bereits zehnmal Antons Sch**ßkette wieder eingefädelt und das Hinterrad neu justiert und jedesmal wieder sprang das Drecksding raus. Aber Peter, so hieß mein Retter, wäre kein Held wenn er mein aufgesetztes Alice Schwarzer Gehabe nicht komplett ignoriert hätte, sowie mein beharrliches Bestreben ihn zu siezen, das er ebenso komplett ignorierte, sowie die dadurch implizierte Aufforderung mit mir ebenso zu verfahren. Er entführte das Rad in seine Garage die vis-à-vis lag und schickte mich zum Hände waschen in derselben, während er sich über das Fahrrad hermachte und meinen Sohn davon überzeugte er müsse jetzt zum Arzt. Ich fing an mit mir selber zu reden. Ich beschwor mich Kontenance zu wahren, der arme Kerl meinte es wirklich gut, ich war undankbar.... Anton war hinter mir in die Garage gekommen, und ungewöhnlich still, ich wollte ihn gerade ermahnen nichts anzufassen und drehte mich um, aber meine Sorge war unbegründet. Mein Kind stand mit aufgerissenen Augen und ebenso offenem Mund vor einer Wand, die Peter liebevoll mit selbst ausgeschnittenen weiblichen Geschlechtsteilen tapeziert hatte. Detailgetreue Vergrößerungen innerer sowie äusserer Schamlippen in allen Farben und Formen waren mit Sorgfalt zu einer wandfüllenden Collage angeordnet worden.
Ich ließ Anton noch ein paar Sekunden Zeit und nahm dann meine Kinder an die Hand und ging zur nahegelegenen Notfallpraxis, in der ich mein Kind ausführlich röntgen und verbinden ließ, natürlich war da nix, aber auch das seelische Leid braucht seinen Raum und darüber hinaus schätzte ich auch den Raum der auf diesem Wege zwischen Peter und mir entstand.
Als wir zurück zu Peter kamen, waren unsere Räder geölt, meine Gangschaltung repariert und ich erhielt einen Liebesbrief, den ich erst zu Hause lesen durfte. Wir fuhren dankend und winkend davon um die Holunderblüten zu pflücken.
Epilog:
Etwa eine Stunde später, als die blaue Ikeatasche gefüllt war, stieg ich auf mein Rad. Und dann passierte es, die Schaltung sprang in einen mir unbekannten Gang, der das Hinterrad in schrägem Winkel gegen den Rahmen drückte und mich dazu aufforderte mein Rad nach Hause zu schleifen. Ich möchte Peter keine Absicht unterstellen, aber es bleibt ein Rest Zweifel...
Und noch'n Epilog:
Soeben kam mein Sohn nach oben. Sein Fahrrad sei „im Arsch", die Kette draußen, seine ölverschmierten Hände stilles Zeugnis seiner Behauptung. „Und wenn wir Peter...?" setzte er an, aber mein Blick brachte ihn zum Schweigen.
Anzeige:
Tüchtiger, fahrradverständiger und mechanisch begabter Mann im Raum Hamburg gesucht zwecks Wartung unserer Fahrräder. Bezahlung erfolgt in Naturalien-, wo denken Sie hin, Holublüsi versteht sich!
10:57 AM
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Wednesday, February 20, 2008
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Lesen ist Macht!
Category: Life
Als getreue Verfechterin der Waldorfpädagogik war ich immer stolz darauf, daß mein Sohn im zarten Alter von achteinhalb Jahren noch nicht in der Lage war zu lesen. Wenn andere Mütter mir voller Freude erzählten, wie toll ihre Kinder schon Fu ruft Uta schreiben konnten war ich froh, daß meinem Sohn dieser Schwachsinn erspart blieb. Wer ist Fu? Mal abgesehen von einer orangenen Strumpfsocke, an die ich mich noch voller Grauen aus meiner frühesten Kindheit erinnere ruft Fu die unterschiedlichsten Bilder mit gemischten Gefühlen in mir wach. Fu, das waren die Zeiten knallgelber Polyester Strickmützen mit kleinen grünen Verkehrswacht Aufdrucken, die uns davon abhalten sollten im Morgengrauen auf dem Weg zur Schule überfahren zu werden; das waren die Zeiten in denen bei der Post noch die Plakate der Terroristen an den Wänden hingen , „Mama? Wer ist dieser Mann, der so einen Bart hat wie Papa?" „Sccchhht! Bist Du wohl still!" Und Fu , das war muffiger Turnhallengeruch, Alter Schweiss und ungewaschene Socken, das Drama, das meine Turnhosen nie so modisch waren, wie die aller anderen. Es war das ewige Warten, bis man auch über den Bock springen durfte, rabiate Jungs beim Brennball und schrille Töne aus Trillerpfeifen und von Gummisohlen auf Gummifußboden. Fu war Schönschreiben, die Schnörkel in die falschen Richtungen machen, der ewige Wettstreit nach der schönsten Handschrift (Ich entwickelte eine eigene Schrift erst mit 16, konnte aber meisterlich die Unterschriften von Eltern und Lehrern fälschen. Was sagt das über mich aus?) und die Verzweiflung in der Zeile verrutscht zu sein. Müssen unsere Kinder den gleichen Mist durchmachen wie wir? Vielleicht, die Antwort bläst vermutlich im Wind.... Doch die Zeiten des Analphabetismus in der zweiten Generation unseres Haushaltes sind langsam vorbei. Begonnen hat die Zeit, in der alles, aber auch wirklich ALLES entziffert wird. Ja, das erste Wort, das mein Sohn fehlerfrei las war ALDI, dicht gefolgt von IKEA. Kein Wunder, daß diese Unternehmen so erfolgreich sind, wenn sie schon die Erstleser in ihren Bann ziehen können, ganz zu schweigen von den HotDogs natürlich... Und jetzt, so langsam, werden Packungsaufdrucke gelesen, Salami, Go-uda, und „Mama, wieso steht hier Jaffa Kacke? Ist ja eklig!" (Anm. d.Red. Jaffa Cake, natürlich von Aldi). Auf längeren Autofahrten werden halbe Kaufhausschilder gelesen, was ein deutliches Indiz dafür ist, daß ich zu schnell fahre, sagt zumindest mein Sohn. Mein Sohn macht auch die Tauglichkeit einer Partei an der Lesbarkeit ihrer Plakate fest, ich hoffe das sich das in den nächsten zehn Jahren noch geben wird. Neulich parkten wir direkt vor einem Werbeplakat der CDU. Er hatte den Grundgedanken von Akronymen begriffen und ich hatte ihm den Parteinamen mit Christliche Deppen Union erläutert, und irgend so ein jugendlicher Schmierfink hatte unserem Bürgermeister ein paar ergänzende Worte mit Edding auf die Stirn gemalt. Zu meinem Leidwesen in Großbuchstaben. Da stand: „HOMO OLE, FUCK OFF"! Der Alltag einer Mutter bedeutet immer wieder vor erneute Prüfungen gestellt zu werden, Prüfungen, die es erfordern, daß man in sekundenschnelle Entscheidungen trifft, Unterhaltungswert? Ethik? Moral? Schonungslose Ehrlichkeit? Welche Werte stehen hier im Vordergrund? Während ich einerseits lachte erhob meine innere Moral ihren Zeigefinger und warnte mich nur nichts falsches zu sagen, wenn die zu erwartende Frage einträfe. Ich wappnete mich innerlich, legte mir möglichst harmlose Übersetzungen zurecht, betete, daß mein Sohn seinen Wortschatz neben Arschficker und Wichser nicht auch noch damit erweitern würde und sein neuestes Vokabular auf dem Schulhof ausposaunen würde und hörte gebannt zu wie mein Sohn sich durch die Wörter quälte „H-O-M-O"...so weit so gut..."OLÈ!......Mama, ist das Deutsch?" Es gibt Wunder, auch wenn sie vergleichsweise kleiner sind als die Lottogewinne, von denen man träumt, sie sind dennoch Wunder. Da war sie, meine Rettung, mein Ausweg. „Nee, Anton, das ist Spanisch, kennste doch, Olè ." und ich legte einen kleinen Torerotanz ein.
Ich kann kein Spanisch. Ich war aus dem Schneider. Ich stellte Vermutungen an, daß die Schmierereien von „Jugendlichen" (in unserer Familie bezeichnet dieses Wort, stets hinter vorgehaltener Hand mit vorwurfsvollem Ton ausgesprochen eine Spezies Halbwüchsiger, die ihren Müll in Parkanlagen herumliegen lassen, Fensterscheiben in Kleingartensiedlungen einschmeißen, Sido hören und auch sonst wenig Geschmack beweisen „Mama, ich verspreche Dir, ich werd bestimmt nie ein Jugendlicher!"), also, daß eben besagte Schmierereien von Jugendlichen selten etwas Gutes bedeuteten und das bestimmt keine sehr netten Worte waren. Erziehung besteht auch aus Kompromissen....
5:27 AM
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Tuesday, January 29, 2008
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Wunderwerk Dieselmotor
Ich gebe es ungern zu aber mein Auto ist mir ein nahes Familienmitglied. Wir bilden eine Symbiose, die nur wenige nachvollziehen können und unsere Beziehung ist über die Jahre so stark geworden, dass wir ineinander verschmelzen, wenn ich das Gaspedal durchtrete. Außenstehende bringen wenig Verständnis dafür auf, denn mein Auto ist der Prototyp eines Hausfrauenautos, ein Polo, Türkis, muss ich noch mehr sagen? Ich habe ein Faible für merkwürdige Autos. Mein erster Wagen war ein halber Golf. Halb, denn ich musste ihn mir mit meiner Schwester teilen. Sie fand ich würde ihn nicht genug saugen, waschen, polieren und es gab ewig Streit. Nach etwa drei Monaten setzte meine Schwester unseren Golf mit Tempo 30 frontal gegen einen Pfeiler einer Tiefgarage. Totalschaden. Sie hat eine seltene Begabung die Dinge mit der ihr eigenen Gründlichkeit zu erledigen. Unsere Mutter hatte Mitleid mit uns, und unter dem Weihnachtsbaum lag ein winziges Paket mit einem Autoschlüssel für uns beide. „Mit dieser Wahnsinnigen teile ich mir keine Sekunde länger ein Auto!" sagte meine Schwester. „Hurra!" Sagte ich. Auf der Straße vor dem Haus stand ein Ungetüm von einem Auto. Ein Passat Fliessheck Baujahr 1984 und damit satte 12 Jahre alt. Seine eingedellten Außenmaße betrugen zwei auf vier Meter. „Er erinnert mich an einen Panzer!" sagte meine Mutter. Ich vermutete dass ihr das ein Gefühl der Sicherheit gab, wenn sie an mich im Straßenverkehr dachte. Es schien mir weltgewandter die Farbe des Wagens als Arbeitshosenblau zu bezeichnen, aber in Wirklichkeit war es ein stumpfes abgedunkeltes Babyblau. Der Wagen war so hässlich dass ich mich augenblicklich in ihn verliebte. „Es ist ein Diesel. Du musst ihn vorglühen!" rief meine Mutter mir noch zu, als ich zur ersten Probefahrt einstieg. Was dann begann, war eine lange, sowohl leidenschaftliche als auch leidvolle Beziehung zwischen meinem Wagen und mir. Das erste worüber wir uns einigen mussten war Geschwindigkeit. In seinen Papieren stand 130 km/h Höchstgeschwindigkeit. Das konnte ich unter keinen Umständen akzeptieren und so musste mein Wagen seinen zweiten Frühling erleben. Auf der Autobahn nach Kiel trat ich ihn auf erfolgreiche 140 km/h und bei Rückenwind und Sonnenschein schaffte er bergab erstaunliche 150 Sachen.
Der Wagen war ein Traum in Sachen Anpassungsfähigkeit, davon hätte so manch ein Mann sich eine Scheibe abschneiden können. Der Motor schien unverwüstlich, es war der einzige Wagen in der Familie, der auch bei minus 15°C noch ansprang, und so war ich die glückliche, die im tiefsten Winter die halbe Familie auf die Petersilienhochzeit eines entfernt Verwandten durch verschneite Dörfer kutschieren durfte. Es machte mir nichts aus, denn in meinem Auto wurde ich zu Superman, verwundbar nur durch Kryptonit oder ein Leck in der Ölwanne. Was machte es da aus, dass die Karosserie langsam aber sicher dem hohen Alter nachgab? Ja, man konnte nicht mehr alle Türen öffnen, aber das war nebensächlich- wenn man drinnen saß wollte man sowieso nicht mehr raus. Die schlimmste Krankheit, die wir überstehen mussten, war eine defekte Zylinderkopfdichtung, und wie es das Schicksal vorgesehen hatte folgte eine Reihe von Unstimmigkeiten, so dass ich Mitglied in der Autoselbsthilfe wurde, mit vierschrötigen Automechanikern flirtete und mir diesen oder jenen Trick in Punkto Automechanik beibringen ließ. Ich lernte Glühkerzen zu wechseln, Keilriemengeräusche zu bestimmen und war sogar in der Lage meine Autobatterie auszubauen um sie im Winter über Nacht an der Heizung schlafen zu lassen, wie ein Kätzchen, damit der Motor am drauffolgenden Tag wie ein ebensolches schnurren konnte. Mein Wagen verschliss zwei Lichtmaschinen, einen Keilriemen, mehrere Sätze Allwetterreifen, was allerdings auch an meinem Fahrstil gelegen haben mag, Bremsbeläge, eine zugegeben dem Alter zuzuschreibende Getrieberunderneuerung und da ich in einer finsteren Gegend wohnte auch diverse Autofenster, die ich ausnahmslos auf Schrottplätzen zusammensuchen musste, Dasselbe galt für Rückspiegel, die entweder ich durch unüberlegtes Ausparken abfuhr oder aber von zornigen Radfahrern abgetreten bekam mit einem freundlichen Grußkärtchen unter dem Scheibenwischer: Parke nicht auf unseren Wegen! Einen Sommer lang musste ich mit angestellter Heizung fahren, da das Kühlwasser auslief und zudem der Fühler am Ventilator des Kühlergrills kaputt war. Ich fluchte oft und schwor im nächsten Leben Automechaniker zu werden, aber nichts trübte die Liebe zu meinem Auto oder die Lauffähigkeit des Dieselmotors. Ich rechnete mir vor, dass die hohen Reparaturkosten locker durch seinen niedrigen Verbrauch wieder rein gewirtschaftet wurden, vergaß bei der Kalkulation allerdings die Unmengen an Motoröl, die der Wagen fraß. Aber ich konnte ihm alles verzeihen. Unsere Liebe war ein Traum. Waren wir auf der Straße, so konnte uns nichts stoppen, und das war wortwörtlich zu nehmen, denn der Wagen hatte selbstverständlich einen verlängerten Bremsweg. Ich transportierte Möbel, Winterreifen und Kleinkinder gleichermaßen. Mein Sohn schlief vorzugsweise im Auto, da ihn das Treckerartige Zittern in den Schlaf schaukelte und im Urlaub konnten zwei Erwachsene bei umgeklappter Rückbank perfekt unter anderem schlafen, vorausgesetzt keiner von beiden überschritt ein Stockmaß von 1,75m. Da das Leben aber nicht wie ein Märchen ist, kam es wie es kommen musste und die Politik, die scheinbar eifersüchtig auf unsere inbrünstige Zuneigung war, erhöhte die Steuern für Autos ohne Katalysator. Da es 1984 noch keine Katalysatoren gegeben hatte, war mein Auto ein die Umwelt verpestendes Ungetüm und man gedachte mich damit zu bestrafen, indem die Steuern um 300 Prozent angehoben wurden. Hätte ich mehr Rückgrat besessen, so hätte ich mir sicher etwas einfallen lassen. Vielleicht eine Demo für die Rechte von Besitzern ins Alter gekommener Pkws mit Charakter? Und hätte man dieses Thema mit dem Umweltschutz und der Gleichberechtigung der Frau kombiniert, dann wäre sie sicher ein voller Erfolg geworden, aber wie es war zog ich feige meinen Schwanz ein und verkaufte meinen Wagen an einen Autohändler mit Beziehungen nach Russland. Weinend klebte ich ihm zum Abschied das Etikett meines Lieblingsparfums auf die schon seit Jahren stumme Hupe und wünschte ihm alles Erdenkliche Glück dieser Welt. Und dann stieg ich herzlos in den kleinen sexy schwarzen Citroen, den ich gegen einen geringen Aufpreis erstanden hatte und brauste mit sage und schreibe 165 Sachen über die Autobahn nach Hause, voller Schuldgefühle.
2:47 PM
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Frühlingserwachen
Endlich! Die heilige Jahreszeit ist vorbei. Hat ja auch lang genug gedauert! Ich habe die letzten Schokoweihnachtsmänner in Kuchenteig gebröselt, die heiligen drei Könige in den Schuhkarton gepackt , der jetzt auf dem Flur steht und den ich bis Oktober sicherlich auch noch in den Keller gebracht haben werde, das Räuchermännchen hat trotz diverser Blessuren auch dieses Weihnachten überstanden (welches Räuchermännchen braucht auch schon ZWEI Arme) und die einzigen Relikte der Festtage sind vereinzelte Lichterketten und goldene Sterne an den Fenstern, von denen es sich so schwer trennt, weil man dann ja gleich die Fenster putzen müsste. In den Supermärkten stehen seit ein paar Tagen neben den bis zur Unkenntlich- und Geschmacklosigkeit gewachsten Südfrüchten die Paletten mit den bunt eingefärbten hart gekochten Eiern. Die ersten Vorboten des Frühlings. Jedes Mal wenn ich diese Eier sehe frage ich mich wer so beschränkt ist und dreieinhalb Monate vor Ostern solche Eier kauft, mal abgesehen davon, dass sie eklig sind und von schwer depressiven drogenabhängigen Hühnern stammen. Die können sich doch unmöglich so lange halten, oder doch? Bei meinem letzten Einkauf beantwortete sich der erste Teil dieser Frage. Als ich grübelnd vor dem Gemüseregal stand und mich fragte, ob die Plastikfolie, die wie eine Wurstpelle um die vom Wasser aufgequollenen Salatgurken geschweißt war, den Wucherpreis von 1,39 rechtfertigte schob sich ein älterer Herr in lila Ballonseide gekleidet mit seiner Gehhilfe an mir vorbei. Ihn umflorte eine Duftwolke aus der hauseigenen Aftershavekollektion und Ausdünstungen der hauseigenen Flachmannkollektion, die man an der Kasse erstehen konnte. Auf seinem Wägelchen balancierte er bereits eine halbe Palette des hauseigenen in Plastikflaschen abgefüllten Biers sowie drei Tetrapacks Landwein, eine Familienpackung gemischtes Hack und 3 Pakete grobe Bratwurst. Ich konnte sehen, wie die Eier, auf die er zielstrebig zuzuckelte in sein Ernährungskonzept passten wie die Faust auf das sprichwörtliche Auge. Wieder auf der Strasse knöpfte ich mir zunächst die Jacke auf, denn es war draußen deutlich wärmer als in der Kühlwarenabteilung des Supermarktes. „Und das im Januar" dachte ich versonnen. „Man könnte direkt meinen der Frühling wäre schon da!" Und tatsächlich, die üblichen Vorboten des Lenzes ließen sich an allen Ecken und Enden entdecken. Die Forsythien knospten, die Birken hängten diese merkwürdigen Pollenhaltigen Stäbchen in den Wind, um mich herum wurde geniest, was die Taschentücher hielten, Krokusse steckten ihre Köpfe verwegen aus der Erde, Vögel balzten um meinen Kopf und aus einer flachen Grube, die an meinem Wegesrande lag, pfiff ein Rudel Bauarbeiter lautstark hinter mir her. Es ist schon so eine Sache mit den Bauarbeitern. Sie dienen als Stimmungsbarometer der Männerwelt auf das äußere Erscheinungsbild einer Frau. Das heißt, wenn sie pfeifen, regen wir uns zwar tierisch darüber auf, aber wehe, wenn sie einmal nicht pfeifen! Dann kann man …äh Frau… geradewegs nach Hause gehen und entweder den Kopf unter die Decke stecken oder sich einer Schönheitsoperation unterziehen. Es ist nämlich so, dass wir Frauen uns zwar im Spiegel betrachten können, um uns dann selber solche Dinge zu sagen wie "Mann, Du siehst toll aus!" aber das natürlich längst nicht den gleichen Wert hat, wie wenn das außenstehende männliche Wesen tun. Da bieten sich Bauarbeiter geradezu an, denn sie sind der Inbegriff aller Männlichkeit. Bauarbeiter nehmen aus ihrer Grube am Wegesrand heraus kein Blatt vor den Mund, wenn es um Worte wie „lecker", „baby", „Zuckerschnecke" und andere Ausgeburten des Chauvinismus geht. Bauarbeiter können pockennarbig, ungekämmt und unrasiert sein, was aus ihnen spricht ist rohe Männlichkeit, wenn sie im Frühjahr im Blaumann, im Hochsommer mit nackten Oberkörper schweißtreibende Arbeiten erledigen, wie es scheint einzig und allein zur Aufmunterung der Frauenwelt, die dieses zusätzlichen Stoßes puren ungefilterten Testosterons bedarf. Eine Frau, die sich als ungeliebt empfindet fühlt sich nahezu in den nächsten Himmel gehoben, wenn ein Bauarbeiter mit Dreckverschmiertem Gesicht ihr hinterher jault und sie möchte am liebsten schnurstracks nach Hause rennen, durch unsachgemäße Handhabung ihrer Elektrogeräte einen Kurzschluss verursachen oder unendlich viele unsinnige Dinge wie Monatshygieneartikel, Salatbesteck und Feinstrumpfhosen ins Klo stopfen um so eine Verstopfung zu verursachen und einen Grund zu haben sich den nächst besten Elektriker oder Klempner in die Wohnung zu holen, der die Dinge schon ins rechte Lot bringt... Und welche Frau hat nicht schon im Stillen geseufzt, wenn unter ihrer Spüle lediglich die untere Körperhälfte eines Klempners herausragte, das Wesentliche sozusagen. Näher überdacht fällt mir ein, dass das Waschbecken in meinem Badezimmer tropft und die Lampe im Schlafzimmer auch schon geraume Zeit nicht mehr funktioniert und nachgeguckt werden müsste. Es bleibt abschließend zu sagen, dass der wahre Vorbote des Frühlings der eigene Hormonspiegel, bzw. der Aktivitätspegel der eigenen Libido ist, und meine Zeichen stehen offensichtlich auf Frühling! Das sollte uns zu denken geben!
2:28 PM
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Natürlich bin ich Übernatürlich
Category: Dreams and the Supernatural
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Diese Geschichte hab ich vor ca. einem Jahr geschrieben und jetzt, jetzt teil ich sie einfach doch mal mit Euch... Schmunzeln erlaubt, Bewertung erbeten.
Mein Mann hat einen Sinn für das Übernatürliche. Sozusagen auf den sechsten Sinn obendrauf hat er noch diverse andere Sinne, die ihm das Leben, je nach Situation erleichtern oder erschweren können. Wir sind nicht per se ein Haufen von Esoterikern, so darf man das nicht verstehen, es ist vielmehr so, daß wenn man schon bestimmte Gaben mitgegeben bekommen hat ins Leben, man sie halt genauso gut auch nutzen kann, statt sie brach liegen zu lassen. Mein Mann nutzt seine Gaben viel und gerne. Ist zum Beispiel eines der Kinder krank gehen wir zum Arzt eigentlich nur der Diagnose oder eventueller Krankschreibungen wegen. Die Therapie übernimmt mein Mann, mit einer Gründlichkeit und Hingabe, die alles Dagewesene in den Schatten stellt. „Wie Hustensaft?" Höre ich ihn dann schimpfen. "Da hilft ein Chalcedon, Du wirst Dich doch wohl bitte nicht auf die Schulmedizin verlassen!" Wir tragen alle Steine mit uns rum. Für jeden Schmerz, sei er weltlicher oder seelischer Natur gibt es einen Stein, und mein Mann kennt sie alle. Ich habe es mittlerweile aufgegeben Hosentaschen zu flicken, sie sind einfach nicht dafür gedacht täglich Gesteinsbrocken aus dem Himalaja, dem Erzgebirge oder dem Eso-Shop in unserem Viertel zu befördern. Der Erfinder der Hosentasche dachte damals an Taschentücher, Kondome und Kleingeld, sicherlich nicht an halbe Drusen mit einem Gewicht von 150 Gramm. Was darüber hinaus nicht mehr in die Taschen passt, wird sich um den Hals gehängt, da es dort seine Wirkung voller entfalten kann. Die Kinder werden in der Schule gelegentlich von alternden Lehrerinnen angesprochen, wegen ihrer hübschen Halsketten. „Das ist aber ein hinreißender Stein an deiner Kette!" Musste sich Oscar neulich anhören. „Wie schön, dass es auch Jungen gibt, die Schmuck tragen, oder hast Du aus dem Schmuckkasten Deiner Mutter stibitzt?" „Das ist meine Medizin!" antwortete mein Sohn. „Das ist doch kein Schmuck, Sie haben ja von nix ne Ahnung!" Ich versuchte ihm nach dem Brief, der mit nach Hause kam die Grundzüge der Diplomatie beizubringen. Es kann nicht schaden mit den anderen Menschen in der Draußenwelt umzugehen zu wissen, auch nicht, wenn der Vater heilende Hände besitzt. Welcher Erkrankung nicht mit Steinen beizukommen ist, die wird oft mit dem Auflegen der Hände beseitigt. Mein Mann kann das einfach, zack draufgelegt, schon ist es besser. Manchmal muss er einen noch nicht einmal berühren um den gewünschten Effekt zu erzielen. „Wie machst Du das nur?" fragte ich ihn vor einiger Zeit. „So" sagte er und streckte seine Hand aus, als hielte er eine Kugel auf Armeslänge von sich. Diese Erklärung schien mir etwas dürftig, denn so sehr ich auch versuchte imaginäre Kugeln auf Armeslänge von mir zu halten, so floss doch nicht mehr Energie durch meine Hand als in einer Knopfzelle zum Betreiben der Leuchtdiode eines Armbanduhrenziffernblattes. Der Gedanke, dass mein Mann in etwas besser sein könnte als ich machte mich wahnsinnig, und so absolvierte ich Reiki-Kurse, begann im Einklang mit meiner Aura zu atmen, Ayurvedisch zu essen und entwickelte mich binnen weniger Wochen mittels eines Crashkurses zum Esoterisch geläuterten Menschen der gehobenen Klasse, während mein Mann weiter Bier trank, Sportschau guckte und mit den Kindern zu McDonalds fuhr, da mein Hirse-Ingwer-Süppchen „ungenießbar" sei. „Und Dein Mantra Gesumme geht uns allen auf den Sack!" setzte Anton nach. Trotz oder gerade wegen dieser großen Opfer stellte sich der Erfolg schlussendlich ein und ich schaffte es mit viel Ruhe und Konzentration schwangere Ziegen im Streichelgehege des nächstgelegenen Wildparks in den Schlaf zu heilen. Es ist schön, schlafende schwangere Ziegen im Arm zu halten, allerdings nur eine kurze Zeit, denn nach einer Weile schlafen einem die Arme ein und man muss das arme Wesen wieder aufwecken, damit man nicht unter ihm zusammenbricht. Meine Kinder wollen nicht, dass ich an ihnen übe und meinem Mann muss ich damit gar nicht erst kommen. „Du hast doch eh so viel Energie." Schüttelt er dann den Kopf. „Das spüre ich doch auch so." Ich füge mich auf den Platz, der mir unter diesen Umständen zugeteilt ist. In meiner Familie herrscht ein Heiler-Patriarchat. Ich bin eine Minderheit, aber dennoch keine, die sich nicht der Stärken einer Frau zu bedienen wüsste. Neben seinen besonderen Fähigkeiten bindet meinen Mann ein Band an mich, das ihm ermöglicht, meine Gedanken zu lesen, zumindest immer dann, wenn ich ihm dies erlaube. „Bring den Müll raus" denke ich manchmal über mehrere Minuten, bis mein Mann entnervt aus dem Wohnzimmer kommt und meiner Aufforderung folgt. „Ist ja gut! Brauchst gar nicht so einen Ton anzuschlagen!" meckerte er neulich, als er wütend die Wasserkisten aus dem Auto in die Küche schleppte, in der ich seit einer halben Stunde alleine mit meiner Freundin Tina Kaffee trank. „Sag mal spinnt der?" fragte mich Tina entsetzt „Ach woher" antwortete ich Schulter zuckend und lachte innerlich ein wirklich schadenfrohes Lachen. „Das habe ich gehört!" Brüllte es unter Geschepper aus dem Keller. Ich rotierte mit meinem Zeigefinger an meiner Schläfe als universelles Zeichen der lockeren Schraube und sagte etwas von Wetterfühligkeit, womit Tina sich zufrieden gab. Auch wenn ich im Heilen nur eine Hausmagd sein mag, wenn es um meinen Mann geht verstehe ich es doch auch seine Gedanken zu lesen, vielleicht nicht so wortwörtlich wie er meine liest, aber der Inhalt kommt doch an. Diese Form der Kommunikation macht vieles einfacher. Das Meiste klären wir mit einem Blick oder vielmehr einem Gedanken und das schont die Stimmbänder weil wir so lästige laute Diskussionen vermeiden. Ich habe zum Beispiel mehr Kraft um die Kinder bei Bedarf anzuschreien und mein Mann nutzt seine Stimme um zu singen, damit er mich nicht hören muss. Mein Mann ruft mich auch nie aus dem Supermarkt an, da ich ihm problemlos telepathieren kann, dass wir noch Milch brauchen und er das Klopapier nicht vergessen soll und noch mal eben schauen, ob die Urlaubsphotos schon entwickelt sind. Wobei sein Empfang manchmal auch sehr selektiv ist, so wird die Verbindung grundsätzlich dann unterbrochen, wenn ich intensiv an die Perlenkette beim Juwelier im Schaufenster denke oder an einen großen Strauss meiner Lieblingsblumen. Dabei könnten wir es uns wirklich leisten, bei den Telefonkosten die wir einsparen. „Schatz, die Kosten entstehen nicht durch Telefonate zwischen Dir und mir!" sagte er neulich. „Aber wenn Du mit der Hälfte Deiner sechs Freundinnen telepathische Unterhaltungen führen würdest, dann könnten wir es uns endlich leisten den Anbau mit dem Fernsehzimmer und dem Partyraum in Angriff zu nehmen." „Wenn ich meinen Freundinnen beim Denken zuhören müsste, würde ich wahnsinnig werden!" antwortete ich, und stellte mir vor, wie schwierig es sein musste, meine Einkaufslisten von denen meiner streng veganen Freundin Anette, des Gourmetsingles Jennifer und der Vorratshaltungskönigin Tina zu trennen. Bei der Vorstellung von Bündnerfleisch und Riesengarnelen an Seetangsalat serviert mit einem Glas Wein aus einem 20 Liter Karton billigem Soave mit Presskorkaroma im Abgang und den dazugehörenden Gesichtsausdrücken meiner Familienmitglieder schien mir die Telefonrechnung gar nicht mehr so hoch und das Bild der Perlenkette nahm Schemenhafte Züge an. Davon abgesehen weiss unser Freundeskreis nichts von unseren übernatürlichen Fähigkeiten. „Nicht nur, dass sie uns alle für bekloppt halten würden!" sagte mein Mann. „Meinst du nicht wir sollten das für uns behalten? Ich will nicht damit ins Fernsehen, es gibt auch andere Wege, wie wir damit Geld verdienen könnten." Und so hielten wir eine Zeitlang alle paar Wochen Pokerabende bei uns zu Hause ab, auf denen wir zunächst um Hosenknöpfe, Pistazienschalen und später auch um harte Eurocents spielten. Wir waren wirklich gut, und brachten es in der Regel auf abendliche Gewinne von 7,89Euro an besonderen Nächten sprengten wir die 20 Euro Grenze. Es war eine Zeit der Prasserei, so manche Flasche Rotwein vom Aldi spendierten wir uns aus unserer Spielkasse und schmiedeten Pläne nach Las Vegas zu gehen, wo das ganz große Geld saß. Aber unsere Freunde verloren nach kurzer Zeit die Lust gegen uns anzutreten. „Ich wette hier hängen überall Spiegel!" sagte Bruno. „Wo ist denn der Transmitter?" fragte Herbert und zerlegte meine Brille in ihre Einzelteile. „Es ist die Küche, sie ist verwanzt!" behauptete Tina. Wir verbringen unsere Abende jetzt mit dem vergleichsweise harmlosen Spielen von Mensch ärger dich nicht, trinken Leitungswasser und träumen von unserer goldenen Zeit.
2:21 PM
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Wednesday, January 23, 2008
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Insomnia
Insomnia
Es gibt Wochen die fordern meine ganze Kraft. Die Arbeit an der Uni, die Schüler, der Haushalt, die Probleme des Lebens. Nebenher bin ich noch Mutter zweier Kinder. Und als besonderes Extra eingeschoben ist diese Woche ein Kindergeburtstag. Also 50 Muffins backen, eine Geburtstagstorte, Geschenke einpacken, putzen („Ach mach Dir meinetwegen keine Mühe mein Kind" sagt meine Mutter, aber ich sehe genau wie ihr prüfender Finger über den angestaubten Glastisch fährt und mit einem Blick des Ekels an ihrem hellgrauen Finger hängen bleibt.) uns so weiter und so fort. Ich kann mich nur schwer damit abfinden, dass ein normaler Tag 24 Stunden haben soll. Wer hat das nur festgelegt? War das etwa Gott? Es erscheint mir doch äußerst fragwürdig und ungerecht, dass ein solch christlicher Maßstab auch für einen Atheisten wie mich gelten soll! „Wann genau willst Du das alles machen?" fragt Tina mich mit zweifelndem Blick am Montagabend. Ich weiß natürlich nicht, ob sie wirklich zweifelnd guckt, denn selbstverständlich habe ich keine Zeit mich mit ihr zu treffen. Ich telefoniere mit ihr während ich einen Auflauf für das Abendessen des darauf folgenden Tages vorbereite. Organisation ist alles, wenn man keine Zeit hat. Ich bin die Königin des Multitaskings. Zu meiner Buchvorstellung habe ich eine Kapitelzusammenfassung im Internet gefunden. Die lese ich am Frühstückstisch, in der Bahn, die letzten drei Kapitel abends in der Wanne. Ich schummle, na und? Damit es im Plenum nicht so auffällt, klebe ich viele bunte Zettel zwischen die Seiten des ungelesenen Buches und streiche wahllos Textstellen an. Das Buch sieht sehr gut vorbereitet aus. Während der Vorstellung drehe ich meinen Betrachtungsstandpunkt und erarbeite ein Thema wie „Kann man aus heutiger Sicht wirklich authentisch die Rolle der Protagonistin als Frau im 19 Jahrhundert nachvollziehen?" Ich schinde Zeit, ich gebe es zu. Es entbrennt eine Diskussion, die den Rahmen der Stunde sprengt, ich bin vom Haken. Ich schwöre mir, das Thema zur nächsten Woche gründlicher vorzubereiten. Im Auto erledige ich via Handy das Koordinieren von Arztterminen und Spielverabredungen der Kinder. Dann packe ich zu Hause die Geschenke ein, backe die Kuchen, decke den Tisch. Es ist drei Uhr nachts als ich ins Bett falle, in drei Stunden muss ich wieder aufstehen. Am nächsten Morgen gewinne ich eine halbe Stunde Halbschlaf, weil ich den Wecker fünfmal wieder aushaue. Das Ergebnis ist ein etwas gehetztes Geburtstagsfrühstück, aber die Geschenke sind ausgepackt, die Torte hat allen geschmeckt, und auf dem Weg zur Uni schlafe ich für 5 Minuten in der Bahn ein. Ich galoppiere durch den Tag, die Frau in der Cafeteria lächelt mich müde an, als ich mir den fünften Becher Kaffee hole. Mein Herz rast, mein Kreislauf ist auf 180, aber ich kann diesen Tag schaffen, ich weiß es, früher ging so was doch auch. Um 22:00 h gehen die letzten meiner Schüler fröhlich winkend nach Hause. Ich räume erst mal auf. Korrigiere ihre Arbeiten, bereite Vokabelzettel vor, verschicke Rundmails, scanne das nächste Buch zu meiner Zufriedenheit, notiere, was ich herauskopieren muss. „Wenn die was lesen müssen, muss ich nicht so viel reden!" denke ich. Und auch, dass ich gerade ganz schön schlampig arbeite. Es ist nach Mitternacht. Jetzt in mein Bett. Ich liege im Dunkeln, aber ich kann nicht schlafen. Mein Herz rast. „Scheiße, dieser Kaffee!" denke ich Ich gehe ins Bad und lass mir ein heißes Lavendelbad ein. Ich liege in der Wanne und lese ein weiteres Buch für die Uni. Sprachwissenschaft. Ich schlafe augenblicklich ein, erwache als der untere Rand des Buches das Wasser berührt. „Verdammt! So ein Mist!" Aber, das Bad scheint gewirkt zu haben. Ich werde jetzt ins Bett gehen, nur erst muss ich das Buch trocknen. Ich föhne also das Buch, schüttle es, damit die Seiten nicht zusammenkleben. Das Buch hat das doppelte Volumen wie vor etwa einer Stunde. Ich lege es unter den Shakespeare von tausend Seiten, wenn das nicht hilft muss ich es morgen bügeln. Ich liege wieder im Bett, die digitale Anzeige sagt es sei jetzt 2:57 h. Ich schließe die Augen und träume von einem Leben ohne Zeit. Der Wecker klingelt und es beginnt die gleiche Routine wie am Vortag. Ich schränke den Tag über mein Kaffeepensum ein, und bin kurz nach Mitternacht zwar müde, aber noch aufnahmefähig. Bruno ruft an. Er wäre kurz vorm Einschlafen, müsste aber noch wach bleiben und auf Dateien im Computer warten die umgewandelt werden müssten. Ich wäre ja wahrscheinlich eh noch wach? Na klar. Wir erzählen, er liest mir Geschichten vor, ich entspanne mich und dann fällt mir ein, dass ich ja eigentlich lesen sollte. Ich beende das Gespräch und widme mich dem Buch. Es ist wirklich spannend. Ich vertiefe mich in das Thema um eine halbe Stunde später hochzuschrecken. Meine Haare sind an der rechten Schläfe platt gedrückt und ein wenig Druckerschwärze hat auf meine Wange abgefärbt. Ich nehme ein Rosmarinbad, das wirkt bekanntlich anregend und lese in der Wanne weiter. Diesmal habe ich eine Ablage für mein Buch, nach einer Viertelstunde schlafe ich wieder ein. Ich schrecke hoch, gehe ins Bett und zwinge mich die letzten Kapitel zu scannen. Geschafft, ich darf die Augen schließen. Es ist 3:43 h. Der nächste Tag ist ein Freitag. Morgens im Bad bemerke ich, dass der Abdeckstift für meine Augenringe sich dem Ende nähert. „Hab' ich den nicht gerade erst gekauft?" denke ich und schreibe ihn mit auf meine mentale Shoppingliste, direkt unter die Familienpackung Espresso und die Multivitamine. Das Einkaufen verschiebe ich auf den nächsten Morgen, auch wenn man sich durch Schlangen von Rentnern quälen muss, da sitzt mir wenigstens nicht die Uhr im Nacken. Samstag…ich stelle mir vor, wie ich mich genüsslich auf die andere Seite drehe um weiter zu schlafen und den Kindern erlaube sich selber Brote zu schmieren und vorm Kassettenrecorder im Kinderzimmer zu essen. Auf dem Weg zur Uni klingelt mein Handy. Antons Fußballtrainer erinnert mich an das Turnier morgen früh um 8:00 h. „Was meinst Du mit erinnern!?! Ich hör das erste Mal davon!" Sofort hasse ich ihn mit einer Inbrunst, die sonst nur unfreundlichen Käsethekenbedienungen und sich über den Lärm beschwerenden Nachbarn vorbehalten ist. Ich schnauze ihm was von Zeitmanagment und Informationsfluss durch den Hörer und winke in Gedanken meiner Bettoase, die zur Fatahmorgana verblasst, zum Abschied leise Servus. Mittags kommt Paul kurz vorbei. Ich koche uns einen Kaffee. „Versprich mir, dass Du heute schläfst!" sagt er. „Ich hab noch einen Schüler nachher!" antworte ich ausweichend. Er guckt mich streng an und ich lenke ein. Er hat ja Recht. „Okay, okay, ich werde schlafen ich versprech's, um halb zehn geh ich ins Bett!" Und ich tue es. Mein Schüler geht, ich dusche heiß, mach mir eine Wärmflasche, denn vor lauter Müdigkeit ist mir wahnsinnig kalt. Ich lege mich ins Bett, meine Augen sind so schwer… und auf einmal höre ich mein Handy im anderen Zimmer surren. Entnervt stehe ich auf. Eine SMS. Von Paul. Ich hoffe Du schreibst mir jetzt nicht mehr zurück! Hä? Er hat mir in letzter Zeit öfter SMS geschickt, die an jemand anderen gerichtet waren. Ich glaub ich sag ihm lieber Bescheid. Könnte wichtig sein. Paul hebt sofort ab. „Sag mal spinnst Du?" schnauzt er mich an. „Du sollst längst schlafen! Ich hab doch gesagt Du sollst mir jetzt nicht mehr antworten!" Ich resigniere. Ich gehe wieder ins Bett. Ich leg das Handy in die Ecke. Ich schlafe ein. „Mama, meine Hose ist ganz nass. Das ist so ungemütlich!" Der Wecker sagt es sei jetzt 23:32 h. Ich ziehe Oscar um. Ich will ihn wieder ins Bett legen, aber ich sehe warum das nicht gehen wird. Oscar, die Minka, der Magnetenbär, die Ente, Winnie der Puh und das Mämäh gehen in mein bett. Ich ziehe in der Zwischenzeit Oscar's Bettwäsche ab und hänge alles auf den Balkon zum Lüften. Als ich wieder in mein Bett gehen will muss ich erstmal Oscar, die Minka, den Magnetenbär, die Ente, Winnie den Puh und das Mämäh beiseite schieben. Der Wecker sagt, es sei jetzt 00:24 h. Ich seufze. Ich versuche es mit einer Meditationsübung, bei der ich sonst immer einschlafe. Oscar dreht sich um und schlägt mir den Ellenbogen ins Auge. Es dauert ein bisschen, aber ich schlafe ein. Ich träume etwas schönes, ich weiß jetzt nicht mehr was, aber ich bin sicher es war sehr schön. Auf einmal schrecke ich hoch. Es ist 02:33 h. Was war das? Warum wache ich auf? Neben mir schnarcht Oscar, wie gewöhnlich. Ein Kontrollgang verrät mir, dass auch Anton schläft, keine Einbrecher in der Wohnung sind, und kein Fenster im Wind klappert. Auf dem Weg ins Bett fällt mein Blick auf mein Handy. Es ist eine SMS. Sie ist von Bruno. Meine Geschichte über den Schlaf ist noch nicht ganz fertig. Steht da. Ich schüttele ungläubig den Kopf, schalte das Handy aus und verstecke es hinter einem Schrank. Ich lege mich wieder ins Bett. Ich träume. Von einem Land, in dem man schlafen darf, in dem man nirgendwo sein muss. Oscar tritt mich in die Nieren, aber ich spüre nichts mehr, ich bin verreist in ein Land, in dem man schläft.
2:16 PM
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Friday, October 26, 2007
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Männer und Frauen
Category: Life
Die Sache mit den Gehirnen: „Du musst Dir das ungefähr so vorstellen. Wir haben einfach unterschiedliche Gehirne." Wer da so sprach, war mein Freund Axel und was ich mir da so vorstellen sollte war seine Weltanschauung zum Thema Kommunikation zwischen Männern und Frauen. Die Erklärung lautete, laut Axel, dass der Mann ein so genanntes S-Gehirn sein eigen nennen durfte („S steht für System, ist Dir ja wohl Klar.") und Frauen hingegen über ein E-Gehirn („ich bin mir nicht so sicher, aber E steht hier glaub ich für Emotion") Da Axel ein Mann ist brauche ich auch nicht näher zu erläutern dass wer ebendieses S Gehirn besitzen darf gar nicht in die Lage kommt über das so genannte E Gehirn zu rätseln, dazu bedürfte es vermutlich eines E Gehirns und das hat Axel schließlich nicht. Wozu auch? Er ist ja ein Mann. Was Axel damit meinte stellt sich nun eine Frau mit E-Gehirn vor. Männer können Ikeaschränke aufbauen. Sie können (oder sagen wir des Schweinehundes halber könnten) den Rasenmäher, die Geschirrspülmaschine, den Toaster, das Radio und den Staubsauger reparieren. Sie können Bausparverträge und Lebensversicherungen abschließen, sich Marktanalysen zu den Aktientendenzen der deutschen Bahn zu Herzen nehmen und den durchschnittlichen Benzinverbrauch ihres japanischen Kleinwagens über die letzten 5 Wochen aus dem Stehgreif im Kopf errechnen. Was sie hingegen nicht können ist zwischen den Zeilen zu lesen, oder vielmehr zwischen den Worten zu hören, denn Kommunikation scheitert ja vor allem da. Im gesprochenen Wort. Wir Frauen hingegen können genau dieses. Es ist eine Disziplin, die wir bis zur Perfektion zu meistern in der Lage sind. Das gesprochene Wort ist nur ein Abklatsch seiner selbst, gäbe es nicht etwas darin zu interpretieren, gäbe es nicht den eigentlichen Code, den es zu entziffern gilt. Das wichtigste am gesprochenen Wort ist doch der Subtext, ist der Klang, ist der Ausdruck in den Augen des Sprechers. Dazu bedarf es aufmerksamer Zuhörer, und das sind wir Frauen! Wir sehen alles, nichts entgeht uns! Sagt die beste Freundin vielleicht so etwas wie „Christopher hat mir ja neulich gesagt, dass Herr sowieso gar nicht so schlimm sein soll" so lässt sich allein aus der Intonation des Wortes „Christopher" der Gemütszustand des Sprechers, damit seine persönliche Bindung an ebendiese Person sowie die Bereitschaft über ebenjenen zu sprechen ableiten. Aus nur einem Wort. Das funktioniert nur mit dem E Gehirn. Nicht unlängst rief ich einen guten Freund an. „Hilfe" sagte ich. "Der Computer will nicht!" sagte ich. "Was mache ich nur falsch, ich verstehe das Ding nicht!" Sagte ich auch noch. Am anderen Ende der Leitung vernahm ich ein entnervtes Stöhnen. „Ja hast Du denn nicht das Manual gelesen?" Doch. Ich hatte die Gebrauchsanleitung gelesen. Ich hatte sie aber nicht verstanden. Gebrauchsanleitungen sind nichts für E Gehirne. Da steht doch zum Beispiel in der Bedienungsanleitung meines Radios: Stellen Sie die Frequenz des gewünschten Senders ein. Ja aber wie stelle ich sie denn ein? Und welches ist denn der gewünschte Sender? Und wer wünscht sich denn diesen Sender? Es fehlt uns das Verständnis für Dinge, die offensichtlich keine Seele besitzen, denn wir Frauen setzen das voraus. Mein Auto fährt besser, wenn ich ihm gut zurede, und es bockt, wenn ich in seiner Anwesenheit erwähne der Audi A6 Tdi wäre ein wirklicher Klassewagen. Natürlich bockt es, denn ich verletze ja seine Gefühle. Wenn es mir gut geht, dann doch auch sicher meinem Auto. Voller Freude sagte ich heute zu Tina, wie sehr es mich erstaunte, dass mein Auto 150 fahren könnte. „Ach Juli!" sagte Tina, und ich konnte an der Intonation und dem Ausdruck ihrer Augen erkennen, dass sie sich für mich freute, dass sie mich liebte, und dass sie mich immer lieben würde „150 sagst Du Mädel? Ich guck noch mal schnell nach dem Öl." Sagte Tina's Mann Bernd. Bernd füllte mir dann meinen Öltank auf, der mit Messen am Berg und zugedrückten Augen vielleicht noch einen Tropfen Öl innehatte. „Ach Bernd „ sagte ich. Meine Intonation drückte sicher sehr viel aus aber da fiel mir das S Gehirn ein. „Danke" sagte ich noch. „Das wäre ein sicherer Kolbenfresser gewesen, und wenn ich erst an die Reparaturkosten denke…" Aber Bernd hörte schon gar nicht mehr zu, weil er zu beschäftigt war die Gebrauchsanweisung seiner Heckenschere zu studieren….
2:29 PM
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