Herr Braun

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Jun 7, 2008

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Sunday, April 20, 2008

was über kuddel ( von ringelnatz)

Vom Seemann Kuttel Daddeldu

Eine Bark lief ein in Le Haver,
Von Sidnee kommend, nachts elf Uhr drei.
Es roch nach Himbeeressig am Kai,
Und nach Hundekadaver.

Kuttel Daddeldu ging an Land.
Die Rü Albani war ihm bekannt.
Er kannte nahezu alle Hafenplätze.

Weil vor dem ersten Hause ein Mädchen stand,
Holte er sich im ersten Haus von dem Mädchen die Krätze.

Weil er das aber natürlich nicht gleich empfand,
Ging er weiter, -- kreuzte topplastig auf wilder Fahrt.
Achtzehn Monate Heuer hatte er sich zusammengespart.

In Nr. 6 traktierte er Eiwie und Kätchen,
In 8 besoff ihn ein neues, straff lederbusiges Weib.
Nebenan bei Pierre sind allein sieben gediegene Mädchen,
Ohne die mit dem Zelluloid-Unterleib.

Daddeldu, the old Seelerbeu Kuttel,
Verschenkte den Albatrosknochen,
Das Haifischrückgrat, die Schals,
Den Elefanten und die Saragossabuttel.
Das hatte er eigentlich alles der Mary versprochen,
Der anderen Mary; das war seine feste Braut.

Daddeldu -- Hallo! Daddeldu,
Daddeldu wurde fröhlich und laut.

Er wollte mit höchster Verzerrung seines Gesichts
Partu einen Niggersong singen
Und »Blu beus blu«.
Aber es entrang sich ihm nichts.

Daddeldu war nicht auf die Wache zu bringen.
Daddeldu Duddel Kuttelmuttel, Katteldu
Erwachte erstaunt und singend morgens um vier
Zwischen Nasenbluten und Pomm de Schwall auf der Pier.

Daddeldu bedrohte zwecks Vorschuß den Steuermann,
Schwitzte den Spiritus aus. Und wusch sich dann.

Daddeldu ging nachmittags wieder an Land,
Wo er ein Renntiergeweih, eine Schlangenhaut,
Zwei Fächerpalmen und Eskimoschuhe erstand.
Das brachte er aus Australien seiner Braut.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

1:29 PM - 0 Comments - 0 Kudos - Add Comment

Friday, March 28, 2008

3/4 romanze

¾ Romanze

An der ecke Gutsmuths und Karl-Heine,
da steht ein Matrose und singt,
von Bars und Puffs und Barrikaden
und ..ner vollen Flasche Korn,
die er versteckt hat in den Büschen,
den Ort, den weiß nur er.

Von der rauen See und dem tanzenden Drachen,
Zwischen Siemens und Naumburg an die Mauer gespieen.
Und wohnen tut er für ..nen Groschen,
bei ner gnädigen Hure in Lindenau,
in Lindenau.
In Lindenau Ecke Karl-Heine und Gutsmuths
da steht ein Matrose und singt.

Gerlinde die Offne und Gute,
die noch für jeden ..ne Höhlung fand,
war des eckestehens müde und
des Winds, der so scharf durch die Merseburg pfiff.
Die nahm den Matrosen mit in ihre Buchte,
zu Butterbrot und Kirschlikör.

Und manchmal braucht..s auch keinen Groschen,
bei den gnädigen Huren in Lindenau,
in Lindenau.

Herr Braun März 2007

5:50 AM - 2 Comments - 3 Kudos - Add Comment

Sunday, February 24, 2008

b. brecht: über die verführung von engeln

Engel verführt man gar nicht oder schnell.
Verzieh ihn einfach in den Hauseingang
Steck ihm die Zunge in den Mund und lang
Ihm unterm Rock, bis er sich naß macht, stell
Ihn, das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
Dann halt ihn fest und laß ihn zweimal kommen
Sonst hat er dir am Ende einen Schock.

Ermahn ihn, daß er gut den Hintern schwenkt
Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen
Sag ihm, er darf sich furchtlos fallenlassen
Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt-

Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.

11:49 PM - 2 Comments - 3 Kudos - Add Comment

Friday, February 22, 2008

aus einer anderen zeit überliefert

Sonntag

Zu viel Zeit für irgendwas.
Versuche Minuten, Stunden, Tage
herumzubringen
trinken, rauchen, denken, reden,
wichsen, schlafen , denken, trinken.
Der ganze Scheiß
kommt mir schon aus den Ohren raus
tropft auf den Boden
und bleibt dort liegen
bis ihn ein pelziger Perser
mit spastischen Grinsen
zusammenfegt
und in den Ausguß wirft.

8:37 PM - 1 Comments - 3 Kudos - Add Comment

straßengedanken

Auf der einen Strasse

Von einem Berg herunter
In einem altersschwachen Bus
Josef und seine schwangere Maria
Abraham und sein unmöglicher Sohn
Ein verwundeter Sachse
Ein Russe auf den Weg nach Kiew
Und ein Ismael

Die eine Straße –
Unterwegs –
Jeder auf seiner
Geschwindigkeitsbegrenzung 50

Im  Mief von ungewaschenen Leibern
läßt Ismael sich einlullen,
trägt seinen Teil dazu bei.

Kein flacheres Land irgendwo sonst.
Straße ziehen sich schnurgerade.

Aufblenden – Abblenden
Gesichter der Reise
Pläne – Abhängigkeiten – Visionen – Leere
Leere –
Leere in allem

Zigaretten rauche
Nicht alle auf einmal,
weil Maria schwanger

An der Autobahn groß
NO AUTOSTOP

Lebwohl Zion – Seifenblase
Grüß dich Babylon – Illusion
Leere – in allem
Leere in Zion,
Leere in Babylon,
Leere in verdreckten Malocherklamotten,
die sich gut anfühlen auf Ismaels Haut

Wir schleichen durch die Nacht
Nach Hause hin.

Gelb beleuchtete Autostrada
Dellen in den Leitplanken
Umspannwerke
Noch eine Kippe
Mit schweren Augen
Ruhe und Leere
Gut und warm

8:23 PM - 0 Comments - 0 Kudos - Add Comment

Thursday, February 21, 2008

brauns beiträge zu "die Falle" coming out soon

I
falle
wenn ich in die falle falle
falle ich in bilder
und falle im fallen
zwischen farben und fehlern
bis in deinen moosigen schoß
in meine süßeste falle

II
vom abgebrochenem lebenswandel

...anstreicher währe doch schon mal etwas.
oder lokführer,
was sicheres, was festes,
mit rente
mit hund
mit verein,
man hätte sogar geld und muse in den puff zu gehen.

III

...zwischen bahnhof atocha und tribunal liegt die metrostation anton martin.
mit einer ganz besonderen akkustik.
langer gefliester tunnel,
und in seiner mitte eine grotte kurz hinter der absperrung.
da trafen wir uns öfters zum spielen.
gab kaum geld aber der klang war so schön
und das wenige was sie uns gaben brachten wir mit rotwein durch.

11:37 AM - 2 Comments - 2 Kudos - Add Comment

Tuesday, January 08, 2008

in ihren Augen

In ihren Augen schafdumme Geilheit
Ich nahm sie
Sie und manche andere

Sie mögen glänzende Bilder
Selbst wenn es nur Skizzen sind
Die weißen stellen malen sie sich selber aus
In Watteweichen
Immer gleichen
Von unterm bauch diktierten Farben

Weil es ein Prinz sein muß
Der ihr die Tragetasche füllt
Mit Samen oder Lügen.

4:57 AM - 3 Comments - 5 Kudos - Add Comment

das eine und die zwei

Das Eine und die Zwei
Daniel Braun

Das Eine sieht die Zwei
und lächelt
lehnt sich zurück
und ruht.

Die Zwei sind
ein Du
und die Zwei sind
ein Ich.
Die Zwei haben
Angst vor dem Einen.

Das Eine lehnt sich zurück
und lächelt.

4:52 AM - 0 Comments - 2 Kudos - Add Comment

begegnungen in lindenau

Begegnungen in Lindenau
Für V.T.

Manches mal schon trieb die Nacht sie zueinander.
Zwei Narren in zerschliss´nem Kleid,
die sich vom hingestreuten Beifall nähren.

Auf dünner Klinge um ihr Leben balancierend,
einander ihre Sprünge zeigend,
schreien sie der Welt ins taube Gesicht.

Aus versoff´nem Füllsel bauen sie sich Kathedralen,
aus Altbaugrau ´ne Republik.
Und trinkt drauf,
dass denen nie die Träume leer
und ihre Luftpaläste Wahrheit werden.
Und schmeißt einen Groschen
oder zwei.

Daniel Braun
März 2007

4:50 AM - 0 Comments - 0 Kudos - Add Comment

Tuesday, December 04, 2007

volly hat ein neues buch und ich das nachwort dazu geschrieben

Nachwort zu Volly Tanners „Lasst mein Volk ziehen"
Von Daniel Braun

Tanner 1929 sein Lumpenbündel in den leeren Wagon eines Güterzuges werfend…
Tanner 1933 ganz vorne bei der letzten Saalschlacht vor der Wahl…
Tanner 1939 auf der Verladerampe, wartend mit tausend anderen…
Tanner 1944 in die Öffnung eines falschen Duschkopfs blickend, als das Licht ausgeht…
Tanner 1950, russisches Klopfen an seiner Tür, vor dem Haus lässt ein Lkw-Fahrer den Motor laufen…
Tanner 1964 unter einem quadratisch eingemauerten Stück Bautzener Himmels…
Tanner 1989, schiebt Schabowski einen Zettel zu, kurz vor einer Pressekonferenz…
Tanner als Briefträger in Los Angeles, erst schließt er die Tür, dann seine Hose…
Tanner trinkt Wasser in Saint Quentin…
Tanner auf einem Sockel und durch die Kloake gespült, weil es das gleiche ist am Ende…
Tanner morgens um acht müde auf der Karl-Heine-Straße auf dem Weg nach Hause.

…Lasst mein Volk ziehen…und Tanner teilte das Meer und manche sagen das Meer sei nur aus Schilf gewesen und manche sagen „Gott" und manche sagen gar nichts und manche lügen.
Hinter alledem, wie ein Phantom, der weiße Wal, mit seinem schiefen Maul und den wie Korkenziehern verdrehten Harpunen im Kopf und in der Seite. Den Wal, den wir alle jagen, schon seit Jahrtausenden, weil er uns ein Bein abgerissen hat, wegen dem wir auf unserem Weg eher stolpern als schreiten und von dem wir keine Ahnung haben, was er eigentlich wirklich ist.

Tanner der Ahab, der seine Harpuniere vor sich antreten lässt um ihre gekreuzten Lanzen auf die Jagd einzusegnen, der einen nach Tran, Alltag und Scheitern stinkenden Walfänger namens „Wirklichkeit" durch das Brackwasser unserer Zeit dem Untergang entgegen lenkt.
Die Nacht gießt schlierige Erinnerungen in ihren löchrigen Topf und zurück bleibt das Hinterzimmer einer Kneipe als die Lesung schon zu Ende ist. Ich weiß nicht einmal mehr, ob es seine eigene war oder ob er nur „aufwertete". Umringt von literarisch feucht dreinblickenden Frauenzimmern hält er Hof, saugt Sinn, schnorrt hier und da Zigaretten und weiß, dass er den Moment beherrscht weil er lauthals alles dafür tut. So trafen wir uns zum ersten Mal. Ich war neu in der Stadt und er Institution. Es wurde spät. Abwechselnd spielten wir unsere Trümpfe und behielten noch welche im Ärmel für später zurück. Wir nahmen Maß. Ob wir am Ende auf Augenhöhe waren überliefern die Analen nicht, weil der Chronist unter den Tisch gerutscht war.
Seitdem sind wir uns oft begegnet.
Es flackern Bilder über die von Schimmel zerfressene Leinwand im Hinterhof eines Abrisshauses: Tanner, der Auspeitscher junger Dinger, Tanner, der matschäugige Berufspunker, Tanner, der mit vor Neid verkniffenen Augen über das Deutsche Literatur Institut lästert und Clemens Meyer scheitern sehen will, Tanner, der sich selbst am meisten mag. Tanner, alternd auf dem Abstellgleis der Nacht, Tanner, der Freund, der mir seine Erschöpfung gesteht, ein kleiner Junge, der nach Liebe winselt und gleichzeitig nach jedem austritt, der ihm zu nahe kommt, Tanner, der Worte wie Geschosse schleudert.
Man kann im Leipziger Nachtleben keine Katze schwingen ohne mindestens einmal Volly mit ihr zu treffen. Mit Leben in Gesicht und Stimme liest er sich durch die Trinkorte dieser Stadt, legt in Abschleppkaschemmen auf, unterhält Hochzeitsgesellschaften von Richtern und Staatsanwälten und streut Anarchie auf deren salzige Böden. Er schreibt für ein halbes Dutzend Zeitungen und versuchte auch schon mal das Rathaus zu stürmen. Volly ist im Radio, bei „Myspace" und im „Schwarzen Leipzig". Man kann ihn mieten aber nicht kaufen, man kann sich manchmal sogar der Illusion hingeben, ihn ganz für sich alleine zu haben.
Er schreit, er stammelt und wenn er flüstert, ist er am gefährlichsten. Er tritt im Ausland auf, sogar in Westdeutschland und da, wo man ihn nicht versteht, dort vielleicht am liebsten.
Seine Lyrik ist die der neuen Ghettos, seine Ungereimtheiten stemmt er aus dem Auswurf der „zu vielen", im Hintergrund immer leise die Melodie der Liebe zum echten Leben, zu dem, dass keinen Platz in den Feuilletons der Hochglanzpresse findet. Mit dieser Kunst lässt sich nur wenig Geld verdienen, man bleibt hungrig so sehr man sich auch für sie das Fell vom Buckel scheuert. Doch die Hungrigen werden das Beißen nie verlernen und vielleicht sogar mal einen weißen Wal erlegen, selbst wenn er sie mit in die Tiefe zieht.
Volly Tanner wohnt mir gegenüber, wenn ich nachts im Bad kiffe kann ich manchmal seine Alte schreien hören beim Sex und manchmal kommt es mir so vor als hätten wir schon mal die gleiche Frau gevögelt.
Den gleichen Wal jagen wir mit Sicherheit.

1:26 AM - 2 Comments - 2 Kudos - Add Comment


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