Jack

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Mar 13, 2007

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Saturday, February 17, 2007

New York, 11. September 2004

Quelle: www.andreasernst.com

Samstag, 11. September 2004

Tag 6: New York City

ELFMETER

Das Schlimmste war der Elfmeter. Spielstand 1:1, 10.42 Uhr in New York. Im VfL-Trikot und mit VfL-Pudelmuetze auf dem Schaedel hocke ich in einem Internet-Cafe. Elfmeter. Peter Madsen. Und der VfL-Online-Ticker ruehrt sich nicht. Sekuendliches Aktualisieren. Maaaaaan, ich werd noch waaaaaaahnsinnig. Drei Minuten spaeter die Nachricht. Verschossen.

Ich habs gesagt! Ich habs GLEICH gesagt! Diese SCHEISS KLIMANLAGEN!!!! Eine ganze Armee davon bombardiert die ganze Schlafetage im "Whitehouse" mit so kuehler Luft, dass ich mich manchmal in einem Metzgerei-Kuehlhaus waehne, und das ganze ist so aetzend, dass ich mir einen richtig dicken Schnupfen eingefangen habe. SCHEISSE!!! Meine Nase ist so voller Schleim, dass es nicht einmal zum fiesen Hochziehen reicht.

Aber das ist noch nicht alles. Wie ebenfalls erwartet, war die Nacht die Hoelle. Mehr als das. Eine Gefaengniszelle ist sogar Luxus gegen meine Kammer. Von Durchschlafen kann keine Rede sein. Mal 30 Minuten Tiefschlaf, dann muss jemand kacken (in einer Toilette, die fuenf Meter Luftlinie von meinem Bett entfernt steht). Tolle Geraeusche. Lecker. Ausserdem ist hier New York, da kommt bis 3/4 Uhr alle 20 Minuten einer ins Hostel zurueck - und das nicht eben leise. Dazu noch ein paar Schnarcher und ein Bett, das nur 1,80 Meter lang ist (und ich, das sei erwaehnt, bin 1,86 Meter gross)... Bitter, und noch fuenf volle Naechte stehen mir bevor.

Verschnupft, muede, veraergert (scheiss Hotelwahl; ich wusste zwar ungefaehr, was mich erwartet, aber so schlimm haette ich es mir nicht vorgestellt) und hungrig (Fruehstueck ist selbstredend auch nicht inbegriffen) gehe ich um 9.20 Uhr raus; siehe oben - mit Trikot und Pudelmuetze. Ich schleppe mich angstschwitzend im Internet-Cafe von Tor zu Tor, manchmal verzweifelt auf der Tastatur haemmernd, manchmal in die Muetze beissend. Das Ruhrstadion ist so weit weg wie nie zuvor. Ich waer so gern da. Als Gegenmedizin hilft nicht einmal der Discman, die "Repeat"-Taste und Groenemeyers Bochum.

New York wirds richten?

Hmm... mehr gibt es von heute eigentlich nicht zu berichten. Angesichts meines wieder umfangreichen Plans ist das sicherlich ueberraschend, aber bisher, also fuer heute, ist New York fuer mich eine grosse Show, eine Illusion, eine Luftblase.
Erklaerungen?

Die Staten Island Ferry schifft mich 30 Minuten nach dem gesicherten Punkt gegen die Borussen ueber die See, an der Freiheitsstatue (Statue of Liberty) vorbei. Sie bietet einen Blick auf die Skyline (da ist das Wort wieder) Manhattans. Aber ehrlich: Schon das haette ich mir spektakulaerer, intensiver, bedrueckender, begeisternder vorgestellt.

*hatschi*
- tschuldigung -

Beim staendigen Blick in meine drei Reisefuehrer von New York wird mir bewusst, dass diese Stadt nicht zu strukturieren ist. Nicht wie Boston, oder all die anderen Staedte, in denen ich bisher war. Also stelle ich eine ganz private Prioritaetenliste zusammen, und arbeite die in Ruhe ab. Zuerst gehts von der Staten Island Ferry in Richtung "Ground Zero", dem Gelaende des ehemaligen World Trade Center. Ich hoffe auf eine richtig dramatische Gedenkfeier angesichts des heute dreijaehrigen Terrorjubilaeums. Doch? Irgendwie interessiert das nur Touristen, Journalisten und Millionen von Bullen. Ein paar Blumenstraeusschen liegen herum, viele US-Fahnen schmuecken die Umgebung. Schon auf der Staten Island Ferry oder sonst auf den Strassen hab ich die Betroffenheit nicht gespuert. Beeindruckend ist nur die Wand mit den Namen aller Opfer, die seit geraumer Zeit am Ground Zero steht und die Ueberschrift "We honor and remember the brave and the innocent lives lost at the World Trade Center on September 11/2001 forever in our heart". Unterlegt ist das mit den beiden Woertern "Never forget", in Stars-and-Stripes-Buchstaben (die duerfen natuerlich nicht fehlen). Mir wird just in diesem Moment bewusst, dass (*hatschi* - tschuldigung -) der Nordkapp-Urlaub schon so lange zurueckliegt. Manchmal fuehle mich in dieser Stadt ohnehin wie im Trollfjord (Bjoern weiss Bescheid, an dieser Stelle Gruss nach Turku!). Auch dort ging es links und rechts ueber 100 Meter in die Hoehe. Allerdings war mir die Natur in Norwegen doch deutlich lieber...

Schwamm drueber. Ich schleppe mich in die Subway, nachdem ich mir eine MetroCard besorgt habe, mit der ich sieben Tage lang so oft ich will U-Bahn fahren kann (nur 21 Dollar, kann ich jedem Touristen waermstens ans Herz legen, denn ohne U-Bahn hat keiner in New York eine Chance). Die Subway koennte mal modernisiert werden und ist tatsaechlich kaum durchschaubar. Die Stationen sind kaum zu erkennen, und nicht wie in Deutschland (mit einem "U" oder "H" oder in Boston mit einem "T") gekennzeichnet. Aber das ist nicht so schlimm, weil sich alle drei/vier Strassen sowieso eine neue Haltestelle befindet. Schnell stelle ich fest, dass es auch kein Problem ist, jede Station zu benutzen. Irgendwie fahren alle Bahnen "uptown" oder "downtown" und grob faehrt jede in die gewuenschte Ecke der Stadt.

Mein Weg fuehrt zur sagenumwobenen Haltestelle "42nd street - Times Square". Und dessen Lebhaftigkeit und Neonhaftigkeit haut mich ein wenig um. Aber ein wenig und nur kurz, so dass ich sofort wieder aufstehe, mich zu "Starbucks" bewege, eine "tall hot chocolate" (sprich: Taaaaall haaaaaaat tschaaaklittt) schluerfe und dem Treiben vergnuegt und interessiert zusehe. Ich bummle hier und da, an den ganzen bekannten Musicals vorbei ("Phantom der Oper", "Mamma Mia", "Lion King"), bewundere die vielen Anzeigetafeln (keine zeigt die Bundesliga-Ergebnisse, komisch), gehe hier und da rein (zum Beispiel in den Virgin-Mega-Musicstore, hurraaaa!) und sehe eine potenzielle Traumfrau nach der naechsten. Macht Spass, aber noch eins steht auf meinem Tageskalender.

Die Subway transportiert mich an die Kante der Brooklyn Bridge. Den 1,5 Kilometer langen Weg darueber lege ich zu Fuss zurueck (*hatschi* - tschuldigung -), und auch der ringt mir ein anerkenndes Nicken ab. Der Nachteil ist wohl, dass ich das Beeindruckende dieser Sehenswuerdigkeiten schon lange vorher erwartet habe. Ueberraschen sie mich daher nicht? Nach dem heute absolvierten Standard-Basis-Touriprogramm finde ich New York gut, interessant, aber ausser der Groesse erschliesst sich mir das besonders Andere nicht. Nicht heute.

Heute Abend gehe ich nicht aus. Erstens verlangen meine Fuesse nach abermals acht Stunden Laufen (den sechsten Tag in Folge) nach einer Pause, zweitens waere mein Schnupfen draussen sicher nicht gut aufgehoben. Drittens faellt es mir sowieso schwer, mich einer der Mini-Cliquen des Hostels anzuschliessen, einfach nur des Anschliessens wegen. Denn keine macht den Eindruck, dass ich sie mit meiner Anwesenheit bereichern koennte und dass ich mich wohl fuehlen wuerde. Und ganz alleine losziehen? Also dafuer bin ich in Manhattan ganz und gar ungeeignet.

Im Fernsehen verfolge ich nun das wirklich grossartige Eishockeyspiel zwischen Tschechien und Kanada. Danach kommt College-Football. Ich aber vermisse Fussball. Schon nach sechs Tagen. Wie gern wuerde ich jetzt live ein schoenes Fussballspiel sehen. Zum ersten Mal waehrend dieses Urlaubs bin ich ein wenig traurig. Weil ich meine aktuelle Liebe im allgemeinen (Fussball) und im besonderen (VfL) nicht bei mir habe, und weil ich das 2:2-Spektakel gegen Dortmund nicht im Stadion miterleben durfte. Ich bin ein wenig traurig, dazu noch krank, und das in New York. Hier wollte ich eigentlich die Party meines Lebens veranstalten. Aber ich bin Andi und denke positiv: Hier kann es nur noch aufwaerts gehen!!

Jetzt bewege ich meinen Schnupfen und den mueden Rest ins Gefaengnis. Wir haben 23.25 Uhr und Kanada hat gerade das Golden Goal erzielt. Wartet eine weitere schlaflose Nacht? Hoffentlich nicht. Morgen sind wieder acht Stunden Laufen angesagt. Mindestens.

*hatschi*
- tschuldigung -

10:00 AM - 0 Comments - 0 Kudos - Add Comment

Im Taxi Anpfiff

Quelle: www.andreasernst.com

Blog-Eintrag zum DFB-Pokalspiel FC St. Pauli - VfL Bochum am 25.10.2005

Im Intercity zurück werde ich müde. "In wenigen Minuten erreichen wir Rotenburg / Wümme", prustet der Schaffner in einem unverkennbar schleswigholsteinischen Akzent durch die Zug-Lautsprecher, und wenn es nicht schon Mitternacht wäre, ich würde es mutmaßlich verdammt lustig finden. Und so komme ich nicht einmal mehr dazu, mich zu fragen, wo genau Rotenburg / Wümme lügt, und was Wümme überhaupt ist. Ein Fluss? Ein zweites Dorf? Ein Stadtteil? Und vor allem: Wen interessiert's!? Kurz vor Mitternacht, draußen ist alles still und leise. Nur der Zug und sein einsames Raaaauschen und Raaaauschen und raaauschen und rrraasschhhh... schhhhschh... und ich schlummere sanft und ein bisschen einsam ein. Im Ohr eine der CD's, die ich mir für meine Sommerurlaube brannte. Es ist ein Abend, an dem sich alle Songs dieser CD, ach was, alle Songs dieser Welt uminterpretieren lassen. Lied vier zum Beispiel. "Bad day" von REM... "It's been a bad day!" Oh yeah, wie wahr. Alles schief gegangen, wirklich alles. Aber doch so bad, so schlecht? "Losing my religion", wieder REM, aha, na gut, gelost haben wir, klar, aber die "religion"? Umdeutbar? "Endlich einmal" von Tomte bringt das dreifache Glücksgefühl. Ein wunderschönes Lied für diese Nacht im Zug, ein toller Song überhaupt und vor allem so passend. "Endlich einmal"... ein geräuschloses Auswärtsspiel? "Endlich einmal..." im Pokalfinale stehen? "Endlich einmal..." St. Pauli sehen. Ja, das ist geschafft. Wohlan. Rrrrraaassschhh...
Die Bundesbahn und ich. Und wir. Und wie auch immer. Morgens noch zwei Pressetermine. Nummer eins in einer Mülheimer Realschule, die Bewerbungstraining anbietet. Um 12 Uhr das Ganze. 13 Uhr dann ein Gespräch zum Martinsmarkt in Mülheim-Speldorf. Hurra, am anderen Ende der Stadt. Das schaffe ich nie. Treffpunkt mit Sam um 15 Uhr am Bochumer Hauptbahnhof. Wollten mit dem Auto fahren, bis gestern Abend noch. Und dann dieses Wetter - Regen! - und diese Vorhersagen - Regen!! - und diese damit verbundene Staugefahr. Dann doch lieber die Bahn benutzen, die gute alte. Eiligst packe ich in der Redaktion meine Sachen zusammen, sage den Redakteuren nicht einmal richtig "Tschööö" und verschwinde im Zug. Auswärtsspiel, Auswärtssieg? DFB-Pokal, Berlin 2006? In meiner Arbeitstasche zahlreiche Blöcke, Zeitungen, und ein wenig verknittert mein VfL-Schal. Mein Schal, der mich so viele Jahre begleitet und den ich an all dieser Zeit niemals wusch. Ich nehme ein Ende an mich, halte den nicht wirklich flauschigen Stoff unter meine Nase, und nein, der Schal, der namenlose Schal, stinkt nicht einmal. Es geht um nichts. Irgendwie. Gut, DFB-Pokal, okay. Aber einmal im Leben will ich den FC St. Pauli Fußball spielen sehen. Und gegen meinen VfL... einmal laut das "Wuuuu-Huuuu!" im "Song 2" von Blur mitgrölen, auch wenn das nur läuft, wenn St. Pauli ein Tor erzielt hat. Egal. Soll's eben das 1:5 sein, wie auch immer. Schnell noch den ausgedruckten Plan aus der Tasche gezogen. 15.11 Uhr ab Bochum, 18.11 Uhr an Hamburg, Anstoß 19.30 Uhr - das sollte reichen.
Sam kommt mit. Schon eine Woche nach der Auslosung telefonierten wir und beschlossen: Da müssen wir hin!! Im Foyer des Bochumer Hauptbahnhofs ("Vorhalle" klingt  nach dem Umbau ein wenig zu plump) verrät ein Blick auf die Tafel das erste Problem: VERSPÄTUNG! "Die Bahn", murmelt Sam, "die deutsche Bahn. Nur Probleme!" 30 Minuten hängt unser erster ICE hinter der Zeit. Den Anschlusszug verpassen, adieu, 18.11 Uhr, und wir sind immer noch in Bochum. Scheiße! Wir schnappen uns unsere Rucksäcke, unsere VfL-Schals und schlurfen ins Reisezentrum. Nächste Möglichkeit? 15.34 Uhr ab Bochum, umsteigen in Hannover, Ankunft 18.54 Uhr. Wird knapp mit dem Anpfiff, müsste aber reichen. Müsste reichen. Bittebitte... das Einlaufen mit AC/DCs "Hells Bells" möchte ich nicht verpassen. Wenn schon St. Pauli, dann richtig. Bei McDonalds lasse ich ein "Big Tasty"-Menü für mich zubereiten (wobei dieser Satz mit dem Wort "zubereiten" im Zusammenhang mit Mäkkes einer Perversion gleichkommt...). Sam verdrückt einen Mc Chicken und mit vollen Backen stapfen wir die Treppen zum fünften Gleis hinauf. Zehn Minuten zu spät, super, dann kommen wir erst um 15.45 Uhr weg. Prima. Einlaufen adé.
So viel Zeit habe ich am Stück noch nie mit Sam verbracht. Seine reizende Frau Nicole ist leider ganz in Bochum geblieben, mein Bruder hätte aus New York einen noch längeren Anreiseweg gehabt, also alleine nach St. Pauli. Alleine zu einem Auswärtsspiel, dass der einzige Höhepunkt in dieser verkorkst-langweiligen Saison zu werden droht. DFB-Pokal, wenn wir weiterkommen, vielleicht ist das die einzige Herausforderung, die noch auf uns wartet, denn mal ehrlich: Wer zweifelt ernsthaft daran, dass wir mit weniger als zehn Punkten Vorsprung aufsteigen? Es läuft verflucht gut, das 4:0 gegen Freiburg war eine unfassbare Gala. Und St. Pauli mag zwar schön, sympathisch und erlebnisreich sein, aber wir plästern die vom Platz, kein Zweifel. Hannover Hauptbahnhof, ging ja schnell, umsteigen, super, Anschlusszug auch zehn Minuten zu spät. Frühestens um kurz nach sieben in Hamburg, klasse. Der ICE ist auch noch rappelvoll. Sam und ich stellen uns in den Bistrobereich und schauen zu, welche Leute was im Bistrobereich ordern. Sauwitzig sieht das aus. Die einen essen tatsächlich ein eingeschweißtes, nicht sehr appetitliches Sandwich für unglaubliche 3,50 Euro, andere versuchen sich an einem warmen Gericht (kostet ebenfalls eine Schweinekohle), und draußen wird es langsam dunkel. Vom Spiel keine Spur, nur von der Verspätung. Sam erzählt mir viele Geschichten aus seiner bewegten Kindheit, aus seiner Heimat USA, etwas über Zukunftspläne. Vor ein paar Tagen hat er die letzte Prüfung bestanden und ist nun Rechtsanwalt. Eine Tour nach Hamburg als eins der Examensgeschenke. Das hat Stil. Und das dauert und dauert und dauert. 18.45 Uhr, Lüneburg. Noch eine Haltestelle bis Hamburg-Harburg. Jetzt können wir's sehen. "Nehmen wir vom Hauptbahnhof ein Taxi zum Millerntor?" "Ja, wir riskieren's", sagen Sam und ich. HAAALLLOO! LÜNEBURG! WEITERFAHREN!!! Der ICE steht. Steht und steht und steht. Eine Minute, zwei, drei, vier, fünf. Durchsage, es krächzt im Zug. "Sehr geehrte Damen und Herren, aufgrund eines Gasunfalls in Hamburg halten wir in Lüneburg auf unbestimmte Zeit." Rumms. Tschüss St. Pauli. Tschüss DFB-Pokal. Eine Träne kullert meine konsternierte linke Wange hinunter, alles gegeben, alles versucht, so viel getan, so viel Geld ausgegeben, und alles fällt von mir herunter. Darf doch nicht wahr sein. Die Sekunden, Minuten verrinnen und nichts tut sich. Kein Bahn-Wunder. Neinnein, die Gerüchte werden schlimmer. "In Hamburg tut sich gar nichts mehr. Die haben den ganzen Bahnhof abgesperrt", sagt eine hysterische Mittvierzigerin, schick gekleidet, mit Riesenkoffer, nach einem hektisch geführten Telefonat. 19 Uhr; Reini-Rein-van-Deini macht sich warm und wir stehen 35 Auto-Minuten vom Millerntor entfernt im ICE am Lüneburger Bahnhof. Sam, eine Entscheidung muss her. JETZT! JETZT! Wir überlegen... Variante eins: Wir setzen uns in Lüneburg in den erstbesten Zug und fahren wieder zurück ins Ruhrgebiet. Ohne Spiel, ohne alles. Oder wir finden irgendwie auf anderem Weg Richtung Hamburg. Fußball-Fans sind total verrückt. Irre. Irrational. Sie treffen Entscheidungen, die ein normaler Mensch überhaupt nicht nachvollziehen kann. Und wir nehmen Tor B. Dort ist der "Zonk" drin. Naja, und gleich auch die Variante, die auch ein paar andere Mitreisende bevorzugen. Taxi. Vier Buchstaben, ein teures Wort. Taxi.
Sam und ich schnappen schnell unsere Taschen, springen in das erstbeste gelbe Auto mit dem leuchtenden Schild. Wir beide sitzen hinten im Auto, Sam mittig, ich rechts. Links hockt ein Rentner, Anfang 60 würde ich schätzen, aber durchaus gebildet. Hat viel verdient in seinem Leben, denke ich. Wohin wir wollen, ist an unseren Schals gut zu sehen. Er lässt sich zum Hauptbahnhof kutschieren. Und der Typ vorn auf dem Beifahrersitz sieht aus wie Peer Steinbrück, nur zehn Jahre jünger. Selbe Größe, selbe Gewichtsklasse, selbe Frisur, selbe Brille - voila, Peer in jung. Im "Atlantic Hotel" wird er die Nacht verbringen, huuuh, "Atlantic", klingt teuer. Vor Abfahrt telefoniert er schon mit seinem Handy. Das kann ja 'ne Fahrt werden. 19.05 Uhr. Festpreis 85 Euro für vier Personen und wir kommen direkt bis vor die Gästekurve. LOS!
"Sam", flüstere ich ihm im Taxi zu, als wir auf die Autobahn einbiegen, "wir fahren jetzt wirklich mit einem Taxi von Lüneburg bis Hamburg, nur um den VfL im DFB-Pokal spielen zu sehen!?" Sam lacht nur laut. Darf nicht wahr sein. Einlaufen adé. "Hells Bells" adé. "Wenn wir gut durchkommen", meint der Taxifahrer, auch mit diesem witzigen nordischen Unterton, "dann sind sie zur 15. Minute da!" Sam informiert seine Frau telefonisch über die aktuelle Sachlage, als wir kurz vor Hamburg auf der A1 in einen Stau reinreisen. Aber klar, musste ja so kommen. "Ach wäre ich bloß anders gefahren", sagt der Taximann laut. Ein Taximann mit der Aura von Herrn Holm, kennt ihr ihn noch, den von Dirk Bielefeldt gespielten verpeilt-schrulligen Polizisten aus den 90ern!? Er schleicht und schleicht, dann wird es mal wieder schneller, zwischendurch halten wir an der Raststätte "Stillhorn", schließlich brauchen wir für die Taxifahrt Geld. Ein Arbeitskollege ruft mich an, ich erzähle ihm, wo ich gerade bin... Unverständnis auf der anderen Leitung. Kopfschütteln! Das kann ich zwar nicht hören, vor meinem inneren Auge aber sehen. Taxi... von Lüneburg!? Tataaaa! Noch 19 Kilometer bis Blur.
Der Typ rechts vorn telefoniert noch, links hinten sind der Opa und Sam in Gespräche über Sao Paulo übergegangen. Dort wird Sam drei Monate lang arbeiten, Anfang des nächsten Jahres. Und der Opa war vor ein paar Tagen rum. Sam kann Englisch, Deutsch, Französisch und Portugiesisch. Portugiesisch... wusste ich gar nicht. Vielleicht sollte Sam das Scouting für den VfL übernehmen - und endlich auch einmal Spieler für die richtigen Positionen sichten. Jawollja! Jawollja, Fußball, stimmt, darum geht es hier. 19.30 Uhr, Anstoß, und wir sind immer noch auf der Autobahn, kurz vor der Abfahrt. Die Krawatte des Taxifahrers wird länger und länger... denn je größer der Stau ist, desto geringer fällt sein Stundenlohn aus. Gut, dass wir uns für einen Festpreis und gegen das Taxameter entschieden haben. Anpfiff am Millerntor... und in Hamburg geht nichts mehr. No way. Kein Vor. Kein Zurück. Dabei ist der Feierabendverkehr doch eigentlich schon rum. Das blanke Entsetzen!! Wir wollen doch zum SPIEL!!!! Meinen kleinen, dünnen, vor Stadiondurft triefenden Schal presse ich fest um meinen Hals; Sam ebenso, und wir fahren die übliche VfL-Fan-Linie. "Wir Bochumer", sagen wir abwechselnd, "wir sind ja Kummer gewohnt." Ja, doch, wir sind gute Vertreter unseres Vereins, und die beiden Mitfahrer werden bestimmt weitererzählen, was für nette und total bekloppte Fans sie getroffen haben. Tja, aber von all der Erzählerei kommen wir dem Stadion auch nicht näher. Der Hauptbahnhof ist aufgrund des Gasunfalls abgesperrt - und der Verkehr zusammengebrochen. Alle 30 Sekunden geht es zehn Meter vorwärts. Nicht mehr. Ampelschaltungen interessieren nicht mehr. "Bei Normalverkehr sind es zehn Minuten bis zum Millerntor", sagt der mittlerweile recht böse Taxifahrer. Schon 200 Meter vor dem Bahnhof steigt der Opa aus. Bleiben noch drei. Der dritte aber telefoniert. In einer Tour. Boooaaaah!!! 19.45 Uhr, eine Viertelstunde ist um. Verpasst. Das Spiel. Klappt das überhaupt noch? "Machen sie doch mal das Radio an", sagt Sam, sage ich, einer von uns. Der Taximann dreht am Knöpfchen und im Display erscheint NDR 2. Prima, dann erfahren wir wenigstens, wie es steht. "Ja, das gibt es doch gar nicht", plärrt Rolf-Reiner Gecks, den ich sogar an der Stimme erkenne, "es steht 1:0 für St. Pauli und hätte Dinzey den Elfmeter verwandelt..." Hä? Sind doch erst 15 Minuten rum! Tor? Elfmeter?? Sam und ich blicken uns an. "Also heute geht auch alles schief", sagt er. "Aber immer positiv denken. Immerhin sind wir in diesem warmen Taxi und müssen uns nicht das Drama angucken. Zudem kommen wir pünktlich zur Aufholjagd." Ja, kommen wir das wirklich!? Es geht nicht vorwärts. Unser Ziel schrauben wir auf den Beginn der zweiten Halbzeit, alles andere ist Utopie. Das "Atlantic Hotel" erreichen wir nach kurzer Zeit, der Geschäftsmann gibt sogar 25 Euro, Hut ab, dafür sackt er auch die Quittung ein. Der Taxifahrer hat seinen Abend total abgeschrieben und raucht sich eine. Verspätungen, Taxi von Lüneburg, eine Halbzeit im Auto. Halbzeit-Konferenz, das Stau-Ende ist in Sicht. "Und TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR IN HAMBURG!!! TOR FÜR SANKT PAULIIIIIIIII!", brüllt Gecks. "Und das ist hoooooochverdient! Pauli spielt den Tabellenführer der 2. Bundesliga an die Wand, hätte höher führen können, nein, müssen. Ist das ein Spiel!" Mehr als lautes Gelächter bekommen Sam und ich nicht mehr hin.
20.30 Uhr, die Flutlichtmasten tauchen am Horizont auf, Flutlicht. Und zur 53. Minute lassen wir unsere Eintrittstickets vom Ordnungspersonal abreißen. Geplante Ankunft 18.11 Uhr, reale Ankunft über zwei Stunden später. Wahnsinn... 0:2! Dreht das noch, Jungs! Dreht es!! Die Ordner sehen schon so abgefahren aus wie in keinem anderen Stadion, und das Millerntor ist eine ziemlich alte Bruchbude, verbreitet aber einen wahnsinnigen Charme. Ich atme einmal tief ein, schaue Sam beim wohlverdienten Biergenuss zu. Jaaa, Sankt Pauli gesehen. Und für all diese Strapazen würde ich beim Oberkellner am liebsten einmal Verlängerung mit Elfmeterschießen bestellen. Wir haben uns gerade unseren Stehplatz-Nachbarn vorgestellt und ihnen unsere Geschichte erzählt, als Lechner den Ball nimmt und in den Giebel knallt. 3:0. Eine Riesenenttäuschung... bis... bis... bis... ja bis die ersten Takte kommen... noch ein paar Schläge, ein ganz kurzes Gitarrensolo zur Einleitung. Und dann? "WWWWUUUU---HUUUUUUU" oder "JUUUUHUUUU", sucht Euch was aus. "Song 2" von Blur. Ich muss schon fast nicht mehr weinen.
Was ist das hier? Träume ich? Träume ich diesen ganzen beschissenen verkorksten Tag? Alle spielen überheblich, wollen sich auf dem tiefen Rasen scheinbar nicht schmutzig machen (ist heute etwas Besonderes im Bermuda-Dreieck?) und verloren bei jeder erstbesten Gelegenheit den Ball. Sankt Pauli ist haushoch und in allen Belangen überlegen und spielt uns an die Wand. Ich verbringe die wenige Zeit damit, die Stimmung zu genießen. St. Pauli, fast pleite, Regionalliga, weit weg von der Spitze, ersatzgeschwächt. Und dann singen die abgefahrensten Fans überhaupt "You'll never walk alone". Ganz allein und sogar textsicher. Das ist Gänsehaut. Das ist die Gänsehaut, für die sich jede Strapaze lohnt. St. Pauli lässt noch das 4:0 folgen, aber das bekomme ich kaum noch mit. Ich lebe schon in anderen Sphären. "Endlich einmal" Pokalsieger werden? Nicht vor 2007. Nein, wirklich nicht vor 2007.
Abpfiff, Sam und ich lachen nur noch. Von den Spielern wagen sich nur Zdebel und Bechmann richtig nah in die Kurve, Zdebel diskutiert ein bisschen, aber was bringt das schon! Nach einem solchen Pokalspiel, einem solchen Debakel, einem Desaster, einer Blamage, ist jede Diskussion eine Anmaßung. Sam und ich fotografieren uns gegenseitig vor dem St. Pauli-Wappen und lachen  nur noch. "Wenn wir irgendwann", sage ich, "irgendwann im Alter auf unsere Zeit als Fußball-Fans zurückblicken und unsere schönsten Erlebnisse aufzählen sollen - dieses Spiel ist dabei." Die VfL-Fans, die noch weit nach Schlusspfiff ausharren, brüllen laut "St. Pauli! St. Pauli!" mit. Ich auch. Ausscheiden ist nie schön. Aber wenn, dann bitte nur am Millerntor. Einige machen sogar die Welle. Jaja.
Ein Opa, der so aussieht wie Käptn Blaubär als Mensch geleitet uns zur Reeperbahn. Mit einem einstündigen Spaziergang wollen wir unseren sinnlosen Ausflug abschließen. Sam ist überrascht, dass sich minderjährige aussehende Mädchen ganz offen postieren. Und ein "Reinholer" versucht uns mit dem Spruch "Hier gibt es noch richtig Fickerei. Mit Blasen ohne Kondome" in sein Etablissement zu locken. No way. Sam futtert nebenbei lieber eine M&Ms-Tüte und amüsiert sich schweigend. Ein bisschen leer ist es für eine Dienstagnacht, sage ich. Mag sein, dass ich mich irre. 0:4 beim Regionalligisten. Ist das wahr?? Nee, oder? Unterwegs erfahren wir, dass die Züge ab Hauptbahnhof wieder fahren. Kommen wir wenigstens noch nach Hause und müssen nicht aus Zwang irgendwo pennen. Am Bahnhof kommt ein Zug mit 120-minütiger Verspätung an! 120 Minuten!!!! Sam und ich hocken uns - müde wie wir sind - und erfahren, dass auch unser IC inzwischen eine 15-minütige Verspätung angesammelt hat. Scheiße. Hört das denn nie auf? Kann nicht wenigstens die Rückfahrt leise verlaufen?
Um 23.15 Uhr platziert der Lokführer seinen Finger auf der "Gas"-Taste. Tempo. Tempo. Will noch nach Hause. Aber erst einmal bin ich müde und sinniere über diesen unglaublichen Tag. Mit Musik von REM, mit "Endlich einmal" und mit "Wünsch Dir was" von den Toten Hosen. "Es kommt die Zeit - oooooooohoooooo - in der das WÜNSCHEN wieder hilft." Wünschen. Oh ja, ich wünsch mir was. Zwischen Rotenburg und Münster falle ich in einen tiefen Schlaf, Sam nickt auch ein bisschen weg, und kurz vor Bochum meint er: "War das ein abgefahrener Geburtstag!" Zum letzten, aber garantiert nicht ersten, Mal an diesem Tag sackt mein Gesicht von 100 auf 0 zusammen. GEBURTSTAG? Dieser unfassbare Kerl! Lässt seine Nicole zu Hause und fährt zum Fußball. Zu so einem Spiel!! Um 3.15 Uhr sinke ich ins Bett. Flauschig. Warm. Weich. Vielleicht wache ich morgen früh auf und kann mich an nichts mehr erinnern. Hoffentlich aber nicht. Über diesen Abend wird noch lange, lange zu erzählen sein. Blur. "Wuuu-Huuuu". Ich hab's gehört. Und es war geil.

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