Slammer & Slams

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May 16, 2008

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Thursday, November 01, 2007

Johanna Wack: Nachbarn
Category: Writing and Poetry



"27.06.; 13,56 Uhr. Die Kinder spielen schon wieder."

Lothar Bode legt den Stift beiseite und schlurft zum Fenster. Er zieht die schweren, grauen Vorhänge zu, um den Lärm auszusperren, doch noch immer sind das Kinderlachen und das Geschrei in seinem Wohnzimmer zu hören. Er wartet einige Minuten, damit seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, nicht schon wieder will er den gleichen Fehler machen wie vor einigen Monaten, als er übermütig losgelaufen war und das Beistelltischchen nicht rechtzeitig bemerkt hatte, stundenlang hatte er hilflos am Boden gelegen, dem Kinderlärm machtlos ausgeliefert, und lag danach einige Wochen im Krankenhaus, mit gebrochener Hüfte.
„Sie sind gestürzt, Herr Bode?", fragte sein Bettnachbar, und Lothar Bode musste an seinen Bekannten Rainer denken, der vor Jahren einmal zu ihm gesagt hatte: „Wenn ich auf die Fresse falle, Lothar, und die Leute sagen, ich sei gestürzt, dann weiß ich, dass ich alt bin, dann jage ich mir eine Kugel in den Kopf. Solange du jung bist, fällst du immer auf die Fresse, Stürzen, Lothar, Stürzen tun nur alte Säcke." Rainer war nicht alt genug geworden, um sein Versprechen einzulösen, eines Tages war er einfach tot umgefallen, und Lothar Bode beschloss, dass dieser Tod in Rainers Sinne war, denn schließlich war er erst gestorben und dann gestürzt, und nicht umgekehrt, und so ist er jung gestorben und wurde erst alt, als er schon tot war.
"Nein, ich bin nicht gestürzt, Herr Voss, ich bin auf die Fresse gefallen", antwortete Lothar Bode also, aber er wusste, dass es zu spät war, er war alt, er war gestürzt, auch Rainer hätte das bestätigt:
"Tut mir leid, Lothar, aber auf die Fresse fallen und stundenlang hilflos am Boden liegen ist nicht sehr jugendlich, das ist das gleiche wie Stürzen."
Während Lothar Bode an Rainer denkt, entstehen langsam in dem schwarzen Nichts vor seinen Augen Umrisse, die schließlich zu zwei Lesesesseln inmitten von Bücherregalen werden. Lothar Bode tastet sich daran entlang zur Tür, um den Lichtschalter zu drücken.
Er blickt zum Fenster, von dort dringt noch immer der Kinderlärm in den Raum, "Das müssen Hunderte sein", denkt Lothar Bode, nimmt Zettel und Stift zur Hand und geht entschlossen in Richtung Lärm. "Als hätten wir ein Freibad im Hinterhof", murmelt er, während er vorsichtig den Vorhang zur Seite schiebt und in den Hof hinunterspäht. Er beginnt zu zählen.

"Neun Stück. Fußball (trotz Mittagsruhe)", trägt er in sein Protokoll ein. Der Vollständigkeit halber.

Lothar Bode nimmt ein Buch aus dem Regal und setzt sich in seinen Sessel.
Früher, als seine Frau noch am Leben gewesen war, hatten sie oft zu zweit hier gesessen. Elisabeth hatte ihre Bücher und das Lesen geliebt, fast jeden Abend hatte sie ihm vorgelesen, und Lothar Bode hatte so getan, als würde er ihr zuhören, während er Mühe hatte, bei dem gleichmäßigen Rhythmus ihrer Stimme nicht einzuschlafen. Er hatte die Vorleseabende gehasst, als Elisabeth noch gelebt hatte, geliebt hat er es erst nach ihrem Tod, als seine Erinnerung plötzlich nicht mehr zwischen den Dingen unterschied, die er gehasst und geliebt hatte, und ihn glauben ließ, alles an ihr geliebt zu haben.


Ihren Sessel hatte er stehengelassen und ihre Bücher behalten, alles Andere war schließlich auf dem Sperrmüll gelandet. Wenn er lange genug in seinem Sessel saß und an sie und ihre Stimme dachte, glaubte er, sie zu hören, und es war so, als ob sie lebte und ihm vorlas, und nur dann entspannte Lothar Bode sich, und schon oft ist er mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen.

Das Einzige, was Herr Bode jetzt hört, ist Kindergeschrei.

Er bleibt zunächst sitzen, schließt die Augen und versucht, sich zu entspannen, aber mit jedem tiefen Atemzug werden die Kinderstimmen lauter und fröhlicher, so, als machten sie sich über ihn lustig, und je mehr er versucht, sie zu verscheuchen, desto aufdringlicher werden sie.
Er überlegt, einen Brief an die Hausverwaltung zu schreiben, und verwirft den Gedanken sofort wieder, zu oft schon hat er Briefe geschickt, fast alle blieben unbeantwortet, die Hausverwaltung, das war Herrn Bode bei einem Telefonat letzte Woche klar geworden, steckt mit den Kindern unter einer Decke. Er möge bitte über jede Ruhestörung Protokoll führen, riet Frau Hartmann ihm, schnippisch klang sie, so als sei sein Anliegen nicht wichtig genug, da war ihm zum ersten Mal der Gedanke gekommen, dass die Kinder Absicht waren, um ihn, Lothar Bode, aus diesem Haus zu treiben, das Haus mietfrei machen - das hatte mal jemand in der U-Bahn so gesagt.
Früher kümmerte sich seine Frau um solche Angelegenheiten, aber das musste sie gar nicht, fällt Lothar Bode ein, denn als sie noch lebte sind die Kinder nie laut gewesen, vielleicht gab es damals gar keine Kinder, vielleicht kamen sie aber auch erst in den Hof, als sie von Elisabeths Tod erfuhren, um ihn zu verhöhnen, oder weil sie dachten, er könne sich nicht gegen sie wehren.


"14.23 Uhr. Die Kinder spielen jetzt Basketball. Zwei schaukeln laut."

Einmal hat er einen Brief an die Zeitung geschrieben, sie hatten schon wieder vom Geburtenrückgang berichtet.
"Sehr geehrte Damen und Herren,
Mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen las ich ihren Artikel vom 07.04.04, "Werden wir aussterben?"
Meine klare und eindeutige Antwort auf diese Frage lautet: "Nein!", und vermutlich ist diese Tatsache ganz allein meinen Nachbarn zu verdanken, die, scheinbar auch Leser Ihres Blattes, unermüdlich Kinder produzieren. Ich möchte Sie daher eindringlichst bitten, sich in Zukunft mit den Konsequenzen Ihrer Artikel vor Veröffentlichung gewissenhafter auseinanderzusetzen,
Hochachtungsvoll, Lothar Bode"

Der Leserbrief wurde nie abgedruckt.

Immer öfter kann Lothar Bode jetzt die Zusammenhänge erkennen: Die Kinder, bezahlt und angestiftet von der Hausverwaltung, die Zeitung, welche die restlichen Mieter zum Kinderkriegen animiert, und alles mit dem Ziel, ihn zum Aufgeben zu zwingen.
"Sie sollen alle auf einmal tot umfallen", denkt Herr Bode "Genau wie Rainer, damals, aus, vorbei und Ruhe." Aber sie fallen nicht um. Er kann sie spielen hören.
Lothar Bode zerrt den Vorhang weg und blickt in den Hof.
Klar erkennt er, dass diese Kinder nicht spielen, dass sie nur so tun, als ob sie sich um den Ball streiten. Immer wieder werfen sie Seitenblicke zu ihm hoch und lachen ihn aus, und das Mädchen auf der Schaukel, mit den blonden Zöpfen, singt ein Lied über ihn: "Herr Bode, Herr Bode, ärgert sich zu Tode", während die anderen Lachen und Schreien und Kreischen und auf ihn zeigen.
Lothar Bode schnürt sich vor Entsetzen die Brust zusammen, er zieht den Vorhang zu und hält sich an einem Bücherregal fest, Elisabeth, sie fehlt, sie hätte gewusst, was zu tun ist, sie hätte Tee gekocht und ihn ins Bett gebracht, und irgendwann wäre er aufgewacht und alles wäre gut gewesen.

"14.28 Uhr. Die Monster singen und lachen."

Das sind keine Kinder. Als Lothar Bode das Wort Monster zu Protokoll bringt wird es ihm klar. Kein Kind kann so laut sein, warum nur war ihm das nicht schon früher aufgefallen, oft genug hat er von so etwas gelesen, kleine Roboter, die dafür gebaut wurden ihn mürbe zu machen, bösartige, seelenlose Geschöpfe, die morgens von der Hausverwaltung und der Zeitung aufgezogen und auf Lärm-Machen programmiert werden, aber so nicht, nicht mit Lothar Bode.

Er holt sein Luftgewehr aus der Vitrine, zieht den Vorhang zur Seite und zielt.

Am nächsten Tag steht in der Zeitung zu lesen:
"Verrückter (68) schießt auf Kind (7) mit Luftgewehr. Seine Rechtfertigung: "Ich dachte, es ist nicht echt."

5:27 AM - 0 Comments - 0 Kudos - Add Comment


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