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Tuesday, April 15, 2008
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Rache (Kurzprosa)
Die Zotteln der Tischdecke versperren ihm die Sicht, Hans sitzt unterm Stubentisch, vor traut er sich nicht. Die Tischbeine sind mit Schnitzereien verziert und schokoladenbraun lackiert. Gegenüber an der Wand steht ein riesiger Schreibtisch, ein Gerät, an dem man sich von Zigarrenrauch umnebelte, dicke Opas sehr gut vorstellen kann. Sie zögen an den braunen Rohren namens Torpedos, Churchills oder Coronas und bliesen fette Ringe in die Luft. Die Türen des Schreibtisches, hinter denen sich Mengen an Akten und Hefter verbergen, sind so blank poliert, dass Hans sich darin spiegeln kann. Die Schlüssel sind aus einer goldähnlichen Emaille und mit Ornamenten besetzt. Neben dem Schreibtisch ist der Stubenschrank. Hinter Glas reihen sich antiquarische Bücher in Reih und Glied, mit goldener Schrift, die für Hans nicht zu entziffern ist. Im Ofen knistert es, das Harz in den Holzscheiten verbrennt, die geben ächzend nach, es riecht nach Asche. Ein Eimer ist randvoll mit Kohle gefüllt. Gleich wird seine Mutter kommen und nachlegen. Hans sitzt unter dem Tisch, das Spielzeug liegt in der Ecke und wurde nicht angerührt. Die Tür springt auf, aber es ist doch nicht seine Mutter, die kommt, sondern sein Vater. Unter dem Arm hat er sich eine Zeitung geklemmt, während er läuft, dreht er an einer Zigarette. Auf der Ledercouch macht er es sich gemütlich. Das Feuerzeug klackt, es stinkt nach ungeleertem Aschenbecher. Wieder geht die Tür auf, diesmal ist es die Mutter, wer könnte es sonst noch sein? Sie legt ein paar Kohlestücke in den Ofen, einige Funken verirren sich aus der Öffnung heraus in die Stube und verglühen noch im Flug. In der Küche klappert es, Hans' Mutter bringt das Geschirr und deckt den Mittagstisch, es gibt Suppe, nicht gerade sein Leibgericht. Die Zigarette des Vaters liegt in den letzten Zügen, die Zeitung knistert, er faltet sie zusammen. Die Mutter fragt, wo Hans abgeblieben sei und der Vater nickt mit dem Kopf Richtung Fußboden. Die Mutter zieht ihre nach unten hängenden Mundwinkel zu einem graden Strich, das tut sie immer, wenn sie zeigen will, dass sie lacht. Aus der Suppenterrine dampft es. Nudelsuppe wird auf die Teller geschöpft. Der Vater räumt derweil den Aschenbecher weg, auf den Schreibtisch. Hans sitzt immer noch unterm Tisch. Seine Mutter fragt, was er denn heute wieder habe, der Vater kann nur ratlos mit den Schultern zucken. Es geht ihn nichts an, das mit dem Kind, es ist ihres, er ist froh, dass das so ist. Der Tonfall der Mutter wird ruppig: „Hans, du kommst jetzt da raus, aber schnell!" Hans hört nicht. Ist stumm, sitzt da wie festgewurzelt. Seine Augen schielen reumütig hinter den Fransen der Tischdecke hervor in Richtung Schreibtisch. Da alles Ermahnen nichts zu helfen scheint, geht die Mutter in die Hocke und kriecht zu ihm unter den Tisch, um ihn zu holen. Ihr dickes Gesäß ragt nach oben, unter der Schürze ist der Rock und unter dem Rock ihre weiße Schlüpfer zu sehen. Als der Vater das sieht, betrachtet er sie sehr aufmerksam und leckt sich die Lippen. Er streckt die Arme in die Luft und faltet sie hinter dem Kopf zusammen. Er gähnt und lehnt sich auf der Couch zurück, zündete sich wieder eine Zigarette an, diesmal eine ungedrehte. Die Mutter hat es jetzt geschafft Hans aus seinem Loch herauszuzerren. Der steht verkrampft neben dem Tisch, als würde er im nächsten Moment ein Lied vor seinen Großeltern singen müssen oder als hätte er irgendetwas zu beichten, er quält sich. Unterdessen wird die Suppe kalt. Sie dampft immer weniger. Der Vater macht ein ernstes Gesicht und nippt am Glimmstängel, die Stirn geht in Falten. Kurze Zeit später ist Leben in die Stube eingekehrt. Die Suppe steht immer noch unangetastet auf dem Tisch, von Dampf keine Spur mehr. Der Vater hockt unter dem Schreibtisch auf dem Boden und scheuert und schrubbt mit einem Wischlappen die Auslegeware, wie einer, der dabei um sein Leben kämpft. Beim Rubbeln federt sein Körper auf und ab und jetzt ist es sein Hinterteil, das in die Luft steht und jetzt ist es die Mutter, die es aufmerksam beobachtet. Hans lümmelt unbeteiligt am Ofen, das eine Bein auf den Kohleeimer gestützt. Er tut so, als wärmte er sich die Hände. Heute morgen hat er unter den Schreibtisch gepisst, jetzt wartet er auf seine Strafe.
9:05 AM
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Friday, March 21, 2008
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Der Sturz (Kurzprosa)
Mein Problem ist, dass ich Dinge nur in der Vergangenheit genießen kann, manchmal erst Tage, nachdem sie geschehen sind. Der Hang ist steil. Die Berge gegenüber sind schneebedeckt, bis dahin, wo eine Nebelwand den Blick ins Tal verdeckt. Die nackten Kuppen der Berge liegen weit über der Baumgrenze, sie glänzen, wahrscheinlich sind sie vereist. Einige dunkle Felsbrocken schauen hervor, sind winzige Punkte. Vor mir führt der Hang hinab bis ins Tal. Er endet unten an der Seilbahnstation, doch heute führt er ins Nichts, wegen dem Nebel. Es ist sehr still, der Schnee schluckt beinahe jedes Geräusch. Ein paar Skifahrer zischen an mir vorbei, jeder zieht einen Schweif aus Schneepulver hinter sich her. Schnell werden sie kleiner, lautlos ziehen sie ihre Kurven, dann verschwinden sie im Nebel. Ich atme klare kalte Luft, sie lässt mich husten. Die Lunge schmerzt, den vielen Sauerstoff bin ich nicht gewöhnt. Mehrmals hebt sich mein Brustkorb, erst jetzt fällt mir auf, dass es kräftig nach Harz riecht. Die mannshohen Nadelbäume rechts und links der Piste sind verschneit. Die Zweige haben eine schwere Last zu tragen. Bald wird der Nebel in die Berge aufsteigen, die Wärmegrenze wird sich verschieben und auch hier wird der Schnee zertauen wie im Tal, dort blühen schon Narzissen. Ich bücke mich, ich ziehe meine Mütze aus dem Schnee. An ihr hängen kleine Eiskugeln. Ich zupfe sie ab wie Kirschen vom Baum, sie fallen zu Boden. Die Skier, die während des Sturzes von meinen Füßen abgefallen sind, lege ich parallel nebeneinander. Die Bindungen rasten ein, es knackt, meine Füße sind fest eingespannt. Die Stöcke baumeln locker am Handgelenk, wegen der Riemen. Ein letzter Blick auf die Berge, die Bäume, die Nebelwand. Ich stoße mich ab, jage den Hang hinunter, hinein in den Nebel.
5:13 AM
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Friday, January 11, 2008
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Geständnis (Kurzprosa)
Seit 13 Jahren bin ich mit Kerstin zusammen, vor 9 Jahren haben wir geheiratet. Wir haben viel zusammen versucht, sind drei Mal zusammen umgezogen in verschiedene Städte und waren zusammen an der Ostsee, in Polen und im Harz. Seit einiger Zeit spiele ich aber mit dem Gedanken, meiner Frau einen Seitensprung zu gestehen, obwohl ich noch nie mit einer anderen Frau was gehabt habe. Ich brauche das einfach, der Abwechslung wegen, alles ist gut, aber es ist so langweilig. Ich stehe bis zu den Knien im Wasser. Wir sind, weil es so heiß war, abends mit den Rädern an den See gefahren. Ringsherum sind quakende Frösche. Das Wasser ist an den Füßen kälter als an den Knien. Ich arbeite mich langsam ins tiefere Wasser vor, in kleinen Schritten steigt es bis zu den Oberschenkeln und bis zum Bauch. Mit den Füßen sinke ich etwas im Schlick ein. Dort, wo ich mir heute Morgen eine Blase gelaufen habe, tut es weh. Je größer die Fläche, die meinen Körper mit Wasser bedeckt, desto größer wird auch meine Gänsehaut. Sie breitet sich aus. Bald wird sie die Haare erreicht haben, vielleicht stellen sich sogar einige auf, bei meinem Borstenkopf. Der Boden wird jetzt schleimig, Wasserpflanzen und Grünzeug krallen sich an meinen Waden fest und wollen mich zurückhalten ins tiefere Wasser zu gehen. Vielleicht lecken sogar schon Fische an meiner Haut. Ich drehe mich um. Am Strand sitzt Kerstin auf einer Decke und reibt sich mit Sonnencreme ein. Und das, obwohl die Sonne jeden Augenblick hinter den Bäumen verschwinden wird. Ihre käsigen Schenkel sind von vielen kleinen blauen Adern durchsetzt, das sieht man sogar noch aus der Entfernung. Jetzt hat ihre Hand den Bauch erreicht und arbeitet sich weiter nach oben vor. Sie öffnet den BH, ihre Brüste verlieren die kugelige Form und werden auberginenartig, die Schwerkraft zieht sie in die Länge. Die blutroten Nippel heben sich deutlich von dem weißen Brustfleisch ab. Mit kreisenden Bewegungen massiert Kerstin die Sonnencreme ein, die sie in zwei größeren Klecksen, für jede Brust einen, aus der Flasche gequetscht hat. Für einen Moment wirken die Brüste wie geschminkt. Kerstin schaut auf und bemerkt, dass ich sie beobachte. Dabei sieht sie mir kurz in die Augen. Schnell drehe ich meinen Kopf zurück und setzte zum Sprung ins Wasser an. Ich tauche unter, Blasen perlen an meinem Körper ab, dass es prickelt. Wieder aufgetaucht wische ich mir das Wasser aus den Augen. Meine Füße erreichen noch immer den Grund, noch kann ich stehen. Ich mache noch ein paar Schritte, dann setze ich wieder zum Schwimmen an. Reiher steigen drüben von den Schilffeldern auf. Die letzten Sonnenstrahlen brechen sich in den nur wenige Zentimeter langen Wellen. Das Wasser wird kälter, je weiter ich schwimme.
2:30 AM
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Saturday, December 29, 2007
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Elegie (Lyrik)
wenig Schnee auf den Straßen,
jemand passt seinen Mercedes in eine
zu knappe Parklücke ein, am
Bordstein: gefrorene Kotze
6:17 AM
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Friday, December 21, 2007
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Endlich (ein sehr altes Gedicht)
heute habe ich endlich Erfolg gehabt, ein Hund, der tot am Straßenrand lag, hat mich angelächelt
6:31 AM
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Sunday, December 02, 2007
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Zwei Winterskizzen (Lyrik)
1) die Schauer kamen jetzt stündlich
der Schnee deckte die dreckigen Wege zu und die Scherben, die wir zertreten hatten, zertreten in immer kleinere Stückchen
2) ein Radio brummte, im 1. Stock ließ jemand Wasser in die Wanne ein, durch die Gardinen nur schwach zu sehen: behaarte Beine
2:16 AM
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Sunday, November 04, 2007
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Vom satt sein (Lyrik)
ich versuchte mich satt zu kriegen, tat alles, sah alles, aß alles, obwohl ich nicht hungrig war und blieb, was ich immer war, der Pilger, der Dumme, der Doofe, der täglich sein Tagebuch belog, der schrie, in den Wind: verdammte Scheiße, alles ist gut!
4:53 AM
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Saturday, September 29, 2007
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Wirkung (Lyrik)
ich konnte nicht verhindern, dass eine Fleischhackgeste mit der Hand, die ich tat, um eine Mücke abzuwehren, mich in den Augen andrer zum gesuchten Verbrecher machte
- negativ zu wirken, davor ist heut niemand mehr gefeit
12:09 PM
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Wednesday, September 12, 2007
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Phantomschmerzen (Lyrik)
obwohl ich allein wohnte, zurückgezogen mit meinen Vögeln – Papagei und Wellensittich – schloss ich jeden Morgen die Badtür beim Toilettengang ab, prüfte ich, wenn das Telefon klingelte, ob nicht andere Hände abnahmen als meine
2:02 AM
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Saturday, September 01, 2007
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Der Weg (Lyrik)
der Weg ist sehr gerade
„rechts ein Baum, links einer und dahinter: zwei weitere"
7:01 AM
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